Soziale Hirnforschung gibt neue Hinweise, wie aus Fremden Freunde werden
Mit mobilen Hirnsensoren verfolgten ETH-Forschende Woche für Woche, wie sich die Hirnaktivität zweier Menschen beim Kennenlernen zueinander verhalten. Dies ist die erste Studie in diesem Forschungsgebiet, die ältere Erwachsene zwischen 70 und 85 Jahren berücksichtigt. Wenn jüngere und ältere Erwachsene über mehrere Wochen hinweg gemeinsam zeichnen, lernen sie sich besser kennen. Ihre Hirnaktivität werden dabei nicht notwendigerweise immer ähnlicher. Die Ergebnisse deuten an: Wie stark sich die Hirnaktivität zweier Menschen angleichen, hängt davon ab, wie leicht die Menschen einander mit der Zeit einschätzen und ihr Verhalten vorausahnen können.
Was geschieht im Hirn, wenn zwei Menschen gemeinsam kreativ werden und dabei eine neue Beziehung zueinander aufbauen? Dieser Frage ging die ETH-Kognitionswissenschaftlerin Ryssa Moffat nach. Sie ist Postdoktorandin im Social Brain Sciences Lab der Professur für kognitive und soziale Neurowissenschaften.
Ihre Studie ist nun im Fachjournal PLOS Biology erschienen. Ihr Setting liest sich wie folgt: Sechs Wochen lang trafen sich 61 Zweierteams sechsmal, um gemeinsam zu zeichnen. Die Teilnehmenden stammten aus einer jüngeren Altersgruppe (18 bis 35 Jahre) und einer älteren Altersgruppe (70 bis 85 Jahre) und verteilten sich auf 31 generationenübergreifende und 30 gleichaltrige Paare.
Wenn sich zwei Gehirne aufeinander einlassen
Zu Beginn kannten sich die Teilnehmenden nicht und mussten sich zuerst aufeinander einstellen. Die Paare zeichneten bei jedem Treffen zuerst einzeln auf separaten Blättern, danach zweimal gemeinsam auf demselben Blatt. Dabei konnten sie entscheiden, ob sie sich abwechselten oder gleichzeitig zeichneten. Während der Sitzung durften sie sich unterhalten, während des Zeichnens jedoch nicht sprechen.
Bei jedem Treffen zeichneten die Forschenden die Hirnaktivität der Teilnehmenden mit tragbaren Hirnsensoren auf. Auf diese Weise konnten sie untersuchen, wie sich das Kennenlernen zwischen den Paaren in ihrer Hirnaktivität niederschlug. Zugleich stellten die tragbaren Sensoren sicher, dass sich die Teilnehmenden natürlich, wie im Alltag, bewegen und aufeinander reagieren konnten, ohne dadurch die aufgenommenen Hirnsignale zu verzerren.
Für die ETH-Forschenden war besonders Ähnlichkeit der Hirnaktivität entscheidend: Wie stark stimmen sich die Gehirne zweier Menschen während einer Begegnung aufeinander ab? Und wie verändert sich diese Abstimmung im Verlauf wiederholter Treffen? Nicht im Fokus stand, ob ein Muster der Hirnaktivität einem subjektiven Gefühl wie Sympathie oder Ärger entspricht.
Mehr Nähe, ähnlichere Gehirnaktivität?
Moffat interessierte, was die Forschung «Hirnsynchronität» nennt: Bei einer gemeinsamen Aufgabe wie dem Zeichnen reagiert auch das Gehirn jeder Person fortlaufend auf das Verhalten der anderen Person – synchron sind sie, wenn bei beiden Personen gleichzeitig ähnliche Veränderungen der Hirnaktivität auftreten.
Frühere Studien zur Hirnsynchronität legten nahe, dass sich die Aktivitätsmuster zweier Gehirne mit wachsender Vertrautheit der Menschen zunehmend ähnlicher werden. Entsprechend erwarteten die ETH-Forschenden um Ryssa Moffat zunächst ebenfalls, dass die Synchronität mit der Zeit steigt, je mehr die Paare sich beim Zeichnen aufeinander einstellen.
Doch sie wurden überrascht: Obwohl sich die Teilnehmenden der generationenübergreifenden Paare im Verlauf der Wochen zunehmend näher fühlten, wurden die Aktivitätsmuster ihrer Gehirne nicht zunehmend ähnlicher.
Ein unerwarteter Altersunterschied
«Bei den generationenübergreifenden Paaren war die Hirnsynchronität zu Beginn höher – und sie nahm von Woche zu Woche ab», sagt Forscherin Moffat. «Bei den gleichaltrigen Paaren war es umgekehrt: Sie starteten mit einer tieferen Synchronität, die im Verlauf der sechs Wochen zunahm.» Unabhängig von diesem Verlauf zeigte sich über die Wochen aber klar: Bei beiden Gruppen war die Hirnsynchronität höher, wenn die Paare gemeinsam zeichneten, als wenn die Personen einzeln malten.
Die Zusammenarbeit führte somit zu einer stärkeren Abstimmung der Hirnaktivität – bei beiden Gruppen zunächst auf ähnliche Weise. Erst im Verlauf der sechs Wochen zeigte sich der Unterschied: Während die Hirnaktivität der gleichaltrigen Paare zunehmend ähnlicher wurde, liess diese Abstimmung bei den generationenübergreifenden Paaren eher nach.
Vorausahnen statt gleich ticken
Wie lässt sich dieser Unterschied erklären? Noch steht die abschliessende Antwort aus. Dank der mobilen Hirnmessungen kann Moffat immerhin schon sagen: Wenn sich zwei Menschen näherkommen, müssen ihre Gehirne nicht zwingend gleich «ticken».
Moffats Studie setzt hier einen anderen Akzent als viele frühere Arbeiten zur Hirnsynchronität. Diese gingen davon aus, dass zwei Menschen, die etwas gemeinsam erleben, ähnliche Reize verarbeiten – und ihre Gehirne deshalb ähnlich reagieren. Die Forschung nennt dieses Modell «Common Cognitive Processing» oder auf Deutsch «ähnliche Reizverarbeitung».
Moffats Erklärungsansatz geht im Unterschied dazu davon aus, dass zwei Menschen lernen, das Verhalten ihres Gegenübers besser vorherzusehen und sich darauf einzustellen: Was wird die andere Person als Nächstes sagen? Wie wird sie auf meinen Vorschlag reagieren? Dieses Modell heisst in der Forschung «Mutual Prediction» – zu Deutsch etwa «wechselseitige Vorhersage».
Dieses Modell kann die Altersunterschiede, die in der Studie deutlich wurden, erklären. Denn bei der wechselseitigen Vorhersage spielt auch der Erfahrungshintergrund der Teilnehmenden eine Rolle, sagt Moffat: «Die gleichaltrigen Teilnehmenden waren meist Studierende mit ähnlichem Alltag und fanden schnell gemeinsame Themen. Jüngere und ältere Menschen mussten dagegen erst herausfinden, worüber sie überhaupt reden konnten.»
Für Moffat heisst das: «Mehr Hirnsynchronität kann auch bedeuten, dass zwei Menschen sich besonders stark bemühen, einander zu verstehen.»
Wer führt, wer folgt?
Diese Bemühungen sind vor allem am Anfang einer Beziehung gefragt: Wenn sich jüngere und ältere Menschen erstmals treffen, fällt es ihnen zunächst schwerer, das Verhalten ihres Gegenübers vorherzusehen, erklärt Moffat. «Gleichaltrige finden eine gemeinsame Basis oft schneller oder bringen sie bereits mit. Mit der Zeit werden sie jedoch spielerischer, überraschen sich gegenseitig im Gespräch und machen es ihrem Gegenüber dadurch wieder schwerer, ihr Verhalten vorauszusagen.»
Hinweise darauf, weshalb die Hirnsynchronität zwischen Jüngeren und Älteren anders verläuft, geben die Forschenden in einer zweiten Studie, die im Fachjournal Acta Psychologica erschienen ist.
Darin betrachteten sie dieselben Begegnungen und Messdaten aus einer anderen Perspektive: Sie untersuchten, welche wiederkehrenden Muster gemeinsamer Hirnaktivität während der Begegnungen auftreten. Die Forschenden identifizierten sieben sogenannte «Zwei-Gehirn-Zustände», die über die gesamte Studiendauer von sechs Wochen erstaunlich stabil blieben.
Bemerkenswert war ein Zustand, der bei den generationenübergreifenden Paaren deutlich länger anhielt als bei den gleichaltrigen Paaren. In diesem Zustand war die Synchronität zwischen den beiden Gehirnen vergleichsweise gering. Auffällig war stattdessen eine besonders starke Verbindung innerhalb des Gehirns einer einzelnen Person – eine interne Synchronität zwischen zwei Arealen im eigenen Frontallappen.
Die Forschenden interpretieren dies vorsichtig als Hinweis auf eine Rollenverteilung: Die Person mit der stärkeren internen Synchronität passte ihr Verhalten eher an die andere an. Meist war dies die jüngere Person – die ältere übernahm eher die Führungsrolle. Die Forschenden stellten auch fest, dass Gleichaltrige häufiger gleichzeitig zeichneten, wohingegen generationenübergreifende Paare sich öfter abwechselten.
Neuland für die soziale Hirnforschung
«Unsere Studie ist die erste, die über mehrere Wochen hinweg zeigt, wie sich die Hirnaktivität bei jüngeren und älteren Menschen entwickeln», schliesst Ryssa Moffat. Bisherige Studien befassten sich mit Eltern-Kind-, Lehrer-Schüler-, Ärztin-Patientin- und Liebesbeziehungen. Ältere Menschen wurden in der sozialen Hirnforschung bislang kaum berücksichtigt. Langfristig könnte Moffats Forschung auch aufzeigen, «wie aus Fremden Bekannte und vielleicht sogar Freunde werden».
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Ryssa Moffat, ETH Zürich, ryssa.moffat@gess.ethz.ch
Originalpublikation:
Moffat R, Dumas G, Cross ES: Social interactions between people of same and different generations shape longitudinal changes in interpersonal neural synchrony, loneliness, and social connection. PLOS Biol 24(8) 2026. DOI: 10.1371/journal.pbio.3003899.
Naudszus, LA, Moffat, R, Cross ES: Two-brain states characterize within- and between-brain connectivity during intergenerational collaborative drawing. Acta Psychologica, Vol. 269, 2026, 107252. DOI: 10.1016/j.actpsy.2026.107252.
Weitere Informationen:
https://ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2026/08/soziale-hirnforschung-gibt-neue-hinweise-wie-aus-fremden-freunde-werden.html
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