Kiefer von Seehunden schon kurz nach der Geburt voll funktionsfähig
Zoologinnen der Uni Kiel haben anhand von mehr als 150 Individuen das Skelettwachstum atlantischer Seehunde analysiert.
Die Ergebnisse belegen, dass der Kauapparat der Tiere in den ersten Lebensjahren sehr rasch wächst. Dabei kommt es jedoch nicht wie bei landlebenden Räubern zu einer sprunghaften Zunahme der Beißkraft nach der Säugephase.
Grund dafür ist, dass die Tiere aufgrund ihrer aquatischen Lebensweise sehr rasch dazu in der Lage sein müssen, Fische und andere Meeresbewohner zu fressen. Da sie ihre Nahrung nicht kauen, sondern meist in Gänze verschlucken, ist dafür keine hohe Beißkraft erforderlich.
Vor rund 25 Millionen Jahren haben atlantische Seehunde den Lebensraum Ozean erobert: Sie stammen ursprünglich von Landsäugetieren ab, vermutlich von einem marderartigen Vorfahren. Daher haben sie keine Kiemen, sondern Lungen, und verbringen einen Teil ihres Lebens auf Sandbänken oder Küstenstreifen. Gleichzeitig sind sie ausgezeichnete Schwimmer und jagen ausschließlich im Meer.
Ihr Lebensraum erfordert, dass sie frühzeitig selbstständig werden. So können sie direkt nach der Geburt schwimmen und tauchen. Die Jungtiere werden zwar einige Wochen von der Mutter gesäugt, sie nehmen aber zusätzlich sehr schnell feste Nahrung wie kleine Fische oder Krebse zu sich. „Bei den meisten landlebenden Raubtieren ist das anders“, betont Prof. Dr. Christine Böhmer (Arbeitsgruppe Zoologie und Funktionsmorphologie der Vertebraten) vom Zoologischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). „Bei ihnen erfolgt irgendwann ein relativ scharfer Wechsel von flüssiger zu fester Nahrung.“
152 Skelette exakt vermessen
Dieser Wechsel geht in der Regel mit einer abrupten Erhöhung der Beißkraft einher - schließlich müssen die Jungtiere ihre Beute nun packen und zerkleinern. „Wir haben die Hypothese aufgestellt, dass das bei atlantischen Seehunden anders sein müsste“, sagt Böhmer. „Bislang gab es aber nicht genügend Daten, um diese Frage zu beantworten.“
Zusammen mit ihren Studierenden Elisabeth Steinbach und Julia Schaar hat sie diese Wissenslücke nun geschlossen. „Hierfür haben wir 152 Seehund-Skelette, die alle von der Nordseeküste Schleswig-Holsteins stammen, exakt vermessen, jeweils zur Hälfte männliche und weibliche Individuen“, erklärt die Zoologin. „Unser Augenmerk lag dabei besonders auf den Kieferknochen der Tiere.“
Die Arbeitsgruppe konnte so nachweisen, dass der Kauapparat der Tiere in den ersten Lebensjahren rasch wächst. Die biomechanischen Analysen zeigen jedoch, dass sich die Beißkraft in dieser Zeit nur unwesentlich vergrößert. Die Kiefer sind also bereits kurz nach der Geburt ähnlich funktionsfähig wie bei ausgewachsenen Individuen. Das liegt auch daran, dass Seehunde keine besonders große Beißkraft benötigen. Zudem fehlen ihnen die für Landraubtiere typischen Reißzähne. Sie kauen ihre Nahrung nicht - dazu sind ihre Backenzähne strukturell kaum in der Lage. Stattdessen packen sie ihre Beute und schlucken sie dann in Gänze hinunter. „Sie sind sogar dazu in der Lage, einen Sog zu erzeugen, mit dem sie kleine Fische und Krebse in ihr Maul saugen“, sagt Böhmer.
Kiefer weiblicher Tiere wächst schneller, aber nicht so lange
Die Analyse ergab zudem, dass der Kiefer bei weiblichen Tieren schneller wächst als bei männlichen. Dafür endet das Wachstum aber früher. Das dürfte damit zu tun haben, dass Weibchen bereits mit vier Jahren ihre Geschlechtsreife erlangen. Da Schwangerschaften und Geburten viel Energie und Nährstoffe verbrauchen, stagniert ihr Wachstum. Männchen erreichen dagegen erst mit sieben bis neun Jahren ihre Maximalgröße. So lange wächst auch ihr Kiefer noch weiter.
Es ist das erste Mal, dass das Wachstum des Kauapparates bei atlantischen Seehunden im Detail dokumentiert wurde. Die Ergebnisse erlauben es nun, Totfunde auf Abweichungen von der Norm zu untersuchen. Diese können zum Beispiel aufgrund von Krankheiten auftreten, aber auch, wenn sich die ökologische Nische der Seehunde ändert - etwa aufgrund des Klimawandels.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Christine Böhmer
Zoologie und Funktionsmorphologie der Vertebraten
Zoologisches Institut
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Telefon: 0431/880-4507
E-Mail: cboehmer@zoologie.uni-kiel.de
Originalpublikation:
Steinbach, E., Schaar, J., & Böhmer, C. (2026). Postnatal craniomandibular growth in Harbor seals (Phoca vitulina vitulina). The Anatomical Record, ar.70296. https://doi.org/10.1002/ar.70296
Weitere Informationen:
https://www.uni-kiel.de/de/detailansicht/news/kiefer-von-seehunden-schon-kurz-nach-der-geburt-voll-funktionsfaehig
Ähnliche Pressemitteilungen im idw