Sanierung des Grabmals Ottos des Großen im Magdeburger Dom kurz vor dem Abschluss
Seit Januar 2025 steht das stark geschädigte Grabmal Kaiser Ottos des Großen im Magdeburger Dom im Mittelpunkt eines umfangreichen Projekts zur Dokumentation und Konservierung. Das Projekt, das durch die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt (KST) und das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt in enger Abstimmung mit der Evangelischen Domgemeinde und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland durchgeführt wird, beinhaltet insbesondere die Sicherung des teils sehr fragilen Kalksteinsarkophags sowie die Ertüchtigung seines Standorts im Hohen Chor. Die entsprechenden Maßnahmen im Dom stehen nun kurz vor ihrem Abschluss.
Das Grabmal Ottos I. im Magdeburger Dom – Rettung für ein gefährdetes Denkmal
Otto I., genannt der Große, der durch die Wiederbelebung des römischen Kaisertums den Grundstein für das spätere Heilige Römische Reich legte, ist eine zentrale Figur der europäischen Geschichte. Sein Grabmal im Magdeburger Dom ist daher auch weit über die Landesgrenzen Sachsen-Anhalts hinaus ein Denkmal von erheblichem kulturhistorischen Wert. Seiner Pflege und Erhaltung kommt aus Sicht der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt als Eigentümerin des Magdeburger Doms, der Evangelischen Domgemeinde als Nutzerin des Gotteshauses sowie des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt als zuständigem Denkmalfachamt oberste Priorität zu.
Im Rahmen des turnusmäßigen gemeinsamen Monitorings der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt und des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt wurden im Jahr 2024 am Grabmal Ottos des Großen besorgniserregende Schäden beobachtet. Beide Institutionen sahen sich daher gezwungen, umgehend Maßnahmen zur Konservierung dieses bedeutenden Denkmals in die Wege zu leiten.
Sämtliche zur Sanierung des Grabmals notwendigen Arbeiten wurden zwischen Januar 2025 und August 2026 im Rahmen eines Kooperationsprojekts beider Institutionen sowie in enger Abstimmung mit der Evangelischen Domgemeinde und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland durchgeführt und erfolgreich zum Abschluss gebracht. Am 1. September 2026 um 10.00 Uhr werden die Gebeine Ottos des Großen im Rahmen einer öffentlichen Festveranstaltung wiederbestattet. Die sterblichen Überreste des Kaisers werden in einem neu gestalteten Sarg, der im Ergebnis eines von der Kunststiftung Sachsen-Anhalt initiierten Wettbewerbs entstand, in den sanierten Sarkophag im Hohen Chor eingebracht.
Staatsminister und Minister für Kultur Rainer Robra anlässlich des bevorstehenden Abschlusses der Sanierungsarbeiten am Grab Ottos des Großen im Magdeburger Dom: »Allen an der Rettung des kaiserlichen Grabes Beteiligten gebührt mein herzlicher Dank. Die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt und das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt haben mit der erfolgreichen und reibungslosen Durchführung dieses anspruchsvollen Projektes innerhalb kürzester Zeit einmal mehr ihre Expertise und Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Der Domgemeinde und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland danke ich für ihre unkomplizierte Unterstützung und ihr Vertrauen in die Kooperationspartner.«
Konservierung des Sarkophags und Ertüchtigung seines Standorts im Dom
In Vorbereitung der Sanierung des Grabmals war es notwendig, sowohl den Kalksteinsarkophag Ottos des Großen als auch den darinstehenden Holzsarg zu öffnen und den Inhalt des letzteren – Gebeine, textile und organische Reste, Sediment – vollständig zu bergen. Anschließend erfolgten seit Beginn des Jahres 2026 die Maßnahmen zur Sicherung des Sarkophags. Sowohl der teils extrem fragile Kalksteinkasten als auch die marmorne Deckplatte wurden von Eisenteilen (Klammern und Nägeln) befreit, die im Rahmen früherer Öffnungen und Reparaturen eingebracht worden waren, deren fortschreitende Korrosion aber eine der wesentlichen Ursachen für die Schäden am Grabmal war. Daneben wurde auch zementartiger Mörtel entfernt, mit dem in der Vergangenheit ältere Schäden repariert worden waren, der aus heutiger Sicht jedoch keine sichernde Funktion erfüllte. Ein wichtiger Aspekt war ferner die Entlastung der teils sehr fragilen, stellenweise lediglich einen Zentimeter starken Sarkophagwand vom Gewicht der rund 300 Kilogramm schweren marmornen Deckplatte. Auch dies hatte eine Gefahr für die Standfestigkeit des Grabmals dargestellt. Um diese Entlastung zu erreichen, wird der Sarkophag mit innenstehenden Stützen aus Edelstahl versehen, auf denen die Marmorplatte in Zukunft ruhen wird.
Eine weitere Gefahr für den Bestand des Grabmals ging, wie die umfassenden Untersuchungen zu Beginn des Projekts zeigten, von aus dem Untergrund aufsteigender Feuchtigkeit und den damit verbundenen Eintrag von Schadsalzen aus. Um diese Gefahr zu bannen, war eine umfassende Ertüchtigung des Standorts notwendig. Ihr ging von Januar bis Juni 2026 eine archäologische Untersuchung und Dokumentation voraus, in deren Rahmen unter anderem erstmals die Fundamentierung des Sarkophags in Augenschein genommen werden konnte (siehe Pressemitteilung vom 11. Juni 2026). Im Anschluss daran wurde zunächst eine massive Steinplatte eingebracht, die die im Untergrund vorhandenen Hohlräume des historischen Gangsystems statisch überbrückt. Darauf folgt eine kapillarbrechende Schicht aus Kalksteinschotter, die das Aufsteigen von Feuchtigkeit verhindert. Als eigentliches Fundament für den Sarkophag dienen hierauf eine massive, flächendeckende Granitplatte, auf der eine kleinere, mit einer Bleischürze versehene Sandsteinplatte aufliegt.
Bis zur Wiederbeisetzung der Gebeine Ottos des Großen am 1. September 2026 wird der Kalksteinsarkophag, in dem der Kaiser aller Wahrscheinlichkeit nach auch bereits im 10. Jahrhundert bestattet worden war, an seinen solcherart ertüchtigten Standort im Zentrum des Hohen Chors zurückkehren. An diesem Tag werden alle Interessierten die Gelegenheit haben, an dem offenen Sarkophag mit dem neuen, durch die Künstlerin Silke Trekel gestalteten Sarg des Kaisers vorbei zu defilieren. Anschließend wird das Grabmal wieder mit der antiken Deckplatte aus prokonnesischem Marmor verschlossen, die vermutlich bereits zur Zeit Ottos des Großen nach Magdeburg gelangte.
Ausblick: Fortlaufende Forschungen
Während die Arbeiten im Dom mit dem Aufbringen der Marmorplatte auf dem Grabmal des Kaisers beendet sein werden, laufen verschiedene Untersuchungen weiter, manche Arbeiten stehen noch am Anfang. So sollen etwa die aus dem Holzsarg geborgenen, fragilen Textilfragmente konserviert und analysiert werden. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass es sich um kostbare, reich gemusterte Gewebe handelt. Ihre Untersuchung, ebenso wie die Analyse der tierischen und pflanzlichen Reste aus dem Sarg, wie beispielsweise Insekten und Obstkerne, lassen aufschlussreiche Erkenntnisse zu den Vorgängen bei der ursprünglichen Bestattung sowie bei der Umbettung Ottos nach dem Dombrand von 1207 erwarten. So ließen sich im Falle der Bestattung von Königin Editha anhand der Insektenfunde aus ihrem Sarg umfangreiche Schlüsse zu ihrem Todeszeitpunkt sowie zu Jahres- und Tageszeit der Aufbahrung ihrer sterblichen Überreste bei ihrer Umbettung zu Beginn des 16. Jahrhunderts ziehen. Auch sollen weitere Analysen nähere Aufschlüsse zu den Zeitpunkten späterer Öffnungen des Grabs geben, die durch die Funde aus dem Holzsarg, wie beispielsweise einen Moritzpfennig aus dem 13. Jahrhundert, belegt sind.
Rätsel gibt weiterhin der aus einem Kalksteinblock herausgearbeitete Sarkophag auf: Die Herkunft des Steinmaterials ließ sich bisher nicht bestimmen. Auch hierüber sollen weitere Untersuchungen nach Möglichkeit Auskunft geben.
Auch der Körper des Kaisers wird nach der Wiederbeisetzung seiner sterblichen Überreste weiterhin im Fokus wissenschaftlichen Interesses stehen. So ist die Auswertung der medizinischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen seiner Gebeine noch nicht vollständig abgeschlossen und lässt wichtige Erkenntnisse erwarten. Insbesondere werden auf Grundlage noch ausstehender Ergebnisse archäogenetischer Untersuchungen in der Zukunft Angaben zum Phänotyp des Kaisers (Haut-, Haar- und Augenfarbe) gemacht werden können, die in Kombination mit forensischen Methoden auch eine zuverlässige Gesichtsrekonstruktion ermöglichen werden.
Im Rahmen der grundlegenden Dokumentation der Grablege wurden die sterblichen Überreste Ottos durch das Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF und eine Spezialistin des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Magdeburg hochauflösend 3D-gescannt. Am Universitätsklinikum Magdeburg erfolgten computertomografische Untersuchungen, unter anderem auch mit Hilfe eines speziellen zahnmedizinischen Computertomografen. Auf Grundlage der 3D-Scans wurden originalgetreu kolorierte Nachbildungen der Gebeine hergestellt, so dass mit Hilfe der digitalen Daten und haptischen Nachbildungen auch künftig, nach der Wiederbeisetzung der originalen Gebeine, anthropologische und medizinische Beobachtungen möglich sind. Dies ist angesichts der Tatsache von besonderer Bedeutung, dass die Untersuchung der sterblichen Überreste Ottos für Spezialisten unterschiedlicher Disziplinen auch den Ausgangspunkt teils grundlegender Forschungen darstellt. Auch die Frage nach der Todesursache Ottos ist weiterhin nicht geklärt und Gegenstand der weiteren Auswertungen.
Auch wenn viele Fragen derzeit noch offen sind, so zeichnet sich doch bereits ab, dass Kaiser Otto der Große nicht nur als eine der prägendsten Persönlichkeiten der europäischen Geschichte von Bedeutung ist, sondern dass die Untersuchung seiner sterblichen Überreste auch wegweisende Forschungen einleitete, die über Fragestellungen der Archäologie und Denkmalpflege weit hinausgehen.
Das Kooperationsprojekt
Sämtliche Maßnahmen am Grabmal Ottos des Großen erfolgen in Kooperation der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt und des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt sowie in Abstimmung mit der Evangelischen Domgemeinde und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Die liturgische Nutzung des Gotteshauses wurde durch die Konservierungsmaßnahmen nicht beeinträchtigt. Auch die Einschränkungen für Besucherinnen und Besucher des Doms wurden so gering wie möglich gehalten. So waren sowohl das Chorgestühl im Hohen Chor als auch die Skulpturen des heiligen Mauritius und der heiligen Katharina aus dem 13. Jahrhundert weiterhin zu sehen. Während der laufenden Maßnahmen informierten eine Texttafel und eine Bildschirmpräsentation an der Einhausung des Grabmals über den Grund des Einbaus. Sie wurden bei wesentlichen neuen Entwicklungen und Erkenntnissen aktualisiert. Die Öffentlichkeit wurde regelmäßig über den Fortgang der Arbeiten informiert.
Hintergrund: Das Grabmal Ottos des Großen im Magdeburger Dom
Otto I. der Große (geboren am 23. November 912; gestorben am 7. Mai 973 in Memleben) aus dem Geschlecht der Liudolfinger ist als Neubegründer des Kaisertums in Nachfolge des antiken Römischen Reichs sowie der Herrschaft Karls des Großen eine zentrale Figur der europäischen Geschichte. Er war die treibende Kraft hinter der Erhebung Magdeburgs zum Erzbistum im Jahr 968, der die Stadt an der Elbe ihren wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung zu verdanken hatte. Im Magdeburger Dom wurde er nach seinem Tod 973 in Anwesenheit der Erzbischöfe Adalbert von Magdeburg und Gero von Köln an der Seite seiner 946 verstorbenen Frau Editha beigesetzt. Seit dem Domneubau im 13. Jahrhundert befindet sich das Grabmal des Kaisers zentral im Binnenchor des Magdeburger Domes.
Bei dem Grabmal Ottos des Großen im Magdeburger Dom handelt es sich um einen Sarkophag aus einem an allen vier Seiten kassettierten, monolithischen Block aus Kalkstein. Die Abdeckung bildet eine wiederverwendete antike Marmorplatte. Die letzte dokumentierte Graböffnung erfolgte 1844. Damals wurde der Sarkophag repariert und konstruktiv ertüchtigt. Auf der Marmorplatte wurde 1937 eine durchbrochene Gedenkinschrift aus Gussmetall angebracht. Nach 1945 wurde zur Entlastung der an den Längsseiten weit auskragenden Deckplatte eine stützende Metallkonstruktion hinzugefügt, die ihren Zweck jedoch nur in geringem Maße erfüllte. Zudem trugen gerade die Eingriffe des 19. Jahrhunderts erheblich zu der oben skizzierten Gefährdung des Grabmals bei, die nun behoben werden konnte.
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