Erfolg im Integrationskurs: Lernvoraussetzungen, Lebensumstände und Kursgestaltung entscheidend
Was begünstigt einen erfolgreichen Integrationskursbesuch? Antworten liefert der Forschungsbericht „Faktoren eines erfolgreichen Integrationskursbesuchs“ des BAMF-FZ. Im Mittelpunkt stehen die beiden häufigsten Kursarten: Allgemeiner Integrationskurs und Alphabetisierungskurs. Zur Untersuchung des Kurserfolgs am Kursende werden die Indikatoren „Teilnahme und Erreichen des Zielniveaus beim Deutsch-Test für Zuwanderer“, „Verbleib im Kurs“ sowie „positive Kursbewertung“ herangezogen. Die Ergebnisse zeigen: Kurserfolg ist nicht auf einen einzelnen Indikator zurückzuführen. Vielmehr geht es um ein komplexes Zusammenwirken individueller Lernvoraussetzungen, Lebensumstände und der Kursgestaltung.
Eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilhabe in Deutschland sind deutsche Sprachkenntnisse. Für deren Erwerb bietet der Bund seit 2005 mit den Integrationskursen ein bundesweit flächendeckendes Kurssystem an. Durch verschiedene Kursarten wird hierbei auf unterschiedliche Bedürfnisse der Teilnehmenden eingegangen. Der neue Forschungsbericht „Faktoren eines erfolgreichen Integrationskursbesuchs“ des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) analysiert Indikatoren für einen erfolgreichen Integrationskursbesuch. Neben Kursverläufen im Allgemeinen Integrationskurs werden hierbei erstmals auch Verläufe in Alphabetisierungskursen näher untersucht. Zudem basiert die Erfassung des Sprachstands am Kursende auf den Ergebnissen des Deutsch-Tests für Zuwanderer (DTZ) und somit auf einem objektiven und validen Maß. Dies wird durch die Verknüpfung der Befragungsdaten mit administrativen Daten aus der Integrations-Geschäftsdatei (InGe) möglich. Der Bericht ist im Projekt „Evaluation der Integrationskurse (EvIk)” entstanden. Projektziel ist es, wissenschaftlich belastbare Ergebnisse und Impulse zur Weiterentwicklung des Kurssystems bereitzustellen.
Lebensumstände beeinflussen den Kursverlauf
Die Mehrheit der Teilnehmenden schließt den Sprachkursteil ab. So besuchen 68,3 Prozent der Teilnehmenden den regulären Sprachkursteil des Allgemeinen Integrationskurses bis zum Ende. Im Alphabetisierungskurs verbleiben 57,5 Prozent bis zum regulären Sprachkursende. Kurswechsel treten dabei in beiden Kursarten ähnlich häufig auf. Anders verhält es sich bei den vorzeitigen Kursaustritten. Im Beobachtungszeitraum kamen diese im Alphabetisierungskurs um rund 10 Prozentpunkte häufiger vor als im Allgemeinen Integrationskurs.
Teilnehmende, die den Allgemeinen Integrationskurs verlassen, tun dies häufig bereits nach dem zweiten oder dritten Sprachkursmodul. Im Alphabetisierungskurs erfolgen Kurswechsel oder ein vorzeitiges Verlassen des Kurses zumeist erst zu einem späteren Zeitpunkt. Meist gibt es hierfür mehrere Gründe. Neben einer Überforderung, die häufig (28,7 Prozent im Allgemeinen Integrationskurs; 30,5 Prozent im Alphabetisierungskurs) als Grund für Kurswechsel oder -verlassen genannt wird, sind es vor allem lebensweltliche Gründe wie die Kinderbetreuung, Krankheit, Schwangerschaft oder die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit, die den regelmäßigen Kursbesuch erschweren.
Wenke Gider, Ph.D. Koç Universität, wissenschaftliche Mitarbeiterin im BAMF-FZ, führt dazu aus: „Viele Kursunterbrechungen sind weniger eine Frage der Motivation als vielmehr eine Folge von Überforderung oder Veränderungen im Alltag. Umso wichtiger ist es, bestehende Unterstützungsmöglichkeiten wie Umstufungen, Wiederholungen, Kursunterbrechungen oder -wechsel unkompliziert zu ermöglichen und an den individuellen Bedürfnissen der Teilnehmenden auszurichten.“
Individuelle Lernvoraussetzungen prägen den Lernerfolg
Der Lernerfolg im Integrationskurs wird maßgeblich von individuellen Voraussetzungen bestimmt. Im Allgemeinen Integrationskurs erhöhen ein jüngeres Alter, ein höheres Bildungsniveau, frühere Sprachlernerfahrungen sowie ein guter Gesundheitszustand die Wahrscheinlichkeit das Sprachniveau B1 zu erreichen. Zudem erzielen Frauen häufiger das Sprachniveau B1 als Männer. Auch im Alphabetisierungskurs spielen ähnliche Voraussetzungen eine Rolle, um das dortige curriculare Zielniveau A2 zu erreichen.
Die Ergebnisse zur DTZ-Teilnahme und den Testergebnissen zeigen folgendes Bild: Für 78,5 Prozent der Teilnehmenden, die von Beginn an einen Allgemeinen Integrationskurs besuchten, liegt im Beobachtungszeitraum ein Ergebnis des DTZ vor. Von ihnen erreichten 53,2 Prozent das angestrebte Sprachniveau B1, 38,7 Prozent das Niveau A2 und 8,1 Prozent blieben darunter. Im Alphabetisierungskurs nahmen 61,7 Prozent der Teilnehmenden an der DTZ-Prüfung teil. Von diesen erreichten 45,8 Prozent mindestens das Niveau A2, während 54,2 Prozent unter A2 blieben.
„Die Ergebnisse sprechen dafür, Einstufung und Kursgestaltung noch stärker an den individuellen Voraussetzungen und Lernfortschritten der Teilnehmenden auszurichten. Der seit 2025 eingesetzte neue Einstufungstest und die neue Kursart für gering Literarisierte greifen diesen Ansatz bereits auf. Ihre Wirksamkeit sollte auch in Zukunft kontinuierlich überprüft werden“, betont Dr. Salwan Saif, wissenschaftlicher Mitarbeiter im BAMF-FZ.
Regelmäßige Teilnahme erhöht die Erfolgschancen
Ein wesentlicher Befund ist darüber hinaus die zentrale Rolle der kontinuierlichen Anwesenheit. In beiden untersuchten Kursarten zeigt sich, dass eine höhere Anwesenheit im Unterricht sowohl die Teilnahme an der DTZ-Prüfung als auch das Erreichen des jeweiligen Zielniveaus stark begünstigt. Im Allgemeinen Integrationskurs steigt beispielsweise die Wahrscheinlichkeit das DTZ-Zielniveau zu erreichen um 24,2 Prozentpunkte bei einer Anwesenheit von 80 Prozent im Vergleich zu einer 60-prozentigen Anwesenheit; im Alphabetisierungskurs liegt diese Differenz bei 12,6 Prozentpunkten. Eine behördliche Verpflichtung zur Kursteilnahme geht im Allgemeinen Integrationskurs zwar mit einer höheren Testteilnahme einher, steht jedoch in negativem Zusammenhang mit dem Erreichen des Zielniveaus B1. Ein möglicher Erklärungsansatz für dieses unerwartete Ergebnis ist, dass sich verpflichtete Teilnehmende auch bei geringeren Erfolgsaussichten zur Teilnahme an der Prüfung verpflichtet fühlen. Im Alphabetisierungskurs zeigt sich der Zusammenhang mit einer Teilnahmeverpflichtung allerdings nicht. „Die Analysen unterstreichen, dass ein regelmäßiger Kursbesuch wesentlich bedeutsamer für den Kurserfolg ist als eine Teilnahmeverpflichtung. Aus diesem Grund sollte er von Anfang im Fokus stehen und gezielt gefördert werden“, führt Ramona Kay, wissenschaftliche Mitarbeiterin im BAMF-FZ, aus.
Lehrkräfte- und Kursgruppenmerkmale wirken je nach Kursart unterschiedlich
Zudem wurden Merkmale der Lerngruppe, der Lehrkräfte und des Unterrichtsgeschehen betrachtet. Die Ergebnisse fallen je nach Kursart unterschiedlich aus. Im Allgemeinen Integrationskurs, trägt Englisch als gemeinsame Brückensprache, die zusätzlich für Erklärungen genutzt werden kann, positiv zum Erreichen des B1-Niveaus bei. Im Alphabetisierungskurs hingegen erweisen sich soziale Aspekte als zentral: So steigt die Erfolgswahrscheinlichkeit für das Niveau A2, wenn das Geschlecht von Lehrkraft und Teilnehmenden übereinstimmt.
Teilnehmende bewerten Integrationskurse überwiegend positiv
Ergänzend zu den objektiven Erfolgsindikatoren wie dem Kursverbleib und DTZ-Ergebnis betrachtet der Bericht auch die subjektive Kursbewertung durch die Teilnehmenden. Hier zeigt sich ein konsistentes Bild: Die Mehrheit der Teilnehmenden – auch jene, die den Kurs vorzeitig verlassen haben – beurteilen das Angebot als teilweise bis sehr hilfreich. Teilnehmende, die den Sprachkursteil des Integrationskurses bis zu Ende besucht haben, schätzen zudem überwiegend sowohl das Lerntempo als auch die Kursgröße als passend ein. „Diese Erkenntnisse unterstreichen die subjektiv von den Teilnehmenden wahrgenommene Wirkung der Kurse und insgesamt ihre Attraktivität“, betont der Mitautor der Studie Dr. Christian Babka von Gostomski, wissenschaftlicher Mitarbeiter im BAMF-FZ.
Evidenzbasierte Impulse für die Weiterentwicklung
Die Ergebnisse liefern eine wissenschaftliche Basis für die kontinuierliche Weiterentwicklung des Kurssystems und verdeutlichen, dass ein erfolgreicher Kursbesuch mit verschiedenen Faktoren zusammenhängt. Die Befunde legen ein differenziertes Vorgehen nahe, bei dem individuelle Lernvoraussetzungen, lebensweltliche Rahmenbedingungen und die konkrete Ausgestaltung der Kurse gemeinsam berücksichtigt werden sollten, um den Kurserfolg zu steigern.
Weitere Informationen:
Den Forschungsbericht "Faktoren eines erfolgreichen Integrationskursbesuchs" finden Sie hier: (Langfassung): https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Forschung/Forschungsberichte/fb56-erfolgsfaktoren-ik-evik.html?nn=283560
(Kurzfassung): https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Forschung/Forschungsberichte/Kurzberichte/fb56-erfolgsfaktoren-ik-evik-kurzfassung.html?nn=283560
Das Forschungsprojekt „Evaluation der Integrationskurse (EvIk)“ und Studiendesign (Link: https://www.bamf.de/SharedDocs/ProjekteReportagen/DE/Forschung/Integration/evaluation-integrationskurse.html)
Das EvIk-Projekt erforscht die Wirkungsweise der Integrationskurse mit besonderem Fokus auf die Teilnehmendengruppe der Geflüchteten. Es setzt dabei auf eine ganzheitliche Perspektive und verfolgt einen Mixed-Methods-Ansatz, bei dem quantitative Primär- und Sekundärdaten sowie qualitative Interviews ausgewertet und verzahnt werden. Für diesen Bericht wurden etwa 3.000 Teilnehmende sowie ca. 350 Lehrkräfte von Allgemeinen Integrationskursen und Alphabetisierungskursen zu Kursbeginn und Kursende befragt. Die 318 befragten Kurse liefen im Zeitraum von 2021 bis 2023. Befragungsdaten wurden mit administrativen Daten aus der Integrations-Geschäftsdatei (InGe) verknüpft, sodass eine Messung des individuellen Kursverlaufs der befragten Teilnehmenden sowie des Kurskontexts anhand validierter Geschäftsdaten möglich ist. Die InGe-Daten enthalten auch das DTZ-Testergebnis, ein präzises Maß für den Sprachstand zu Kursende.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Salwan Saif
https://www.bamf.de/SharedDocs/Struktur/Personen/DE/WissenschaftlicheMA/saif-salwan-person.html?nn=870138
Originalpublikation:
Saif, S., Babka von Gostomski, C., Gider, W., Homrighausen, P., Kay, R. & Rother, N. (2026). Faktoren eines erfolgreichen Integrationskursbesuchs. Zwischenbericht IV-2 zum Projekt „Evaluation der Integrationskurse (EvIk)“ (Forschungsbericht 56). Nürnberg. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. https://doi.org/10.48570/bamf.fz.fb.56.d.2026.evik.zb4.1.0
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