Gestalten mit KI: HSBI-Forschungsprojekt vernetzt die intellektuellen Ressourcen zum Thema in Bielefeld
KI ist die mächtige disruptive Kraft der Gegenwart. Was bedeutet das für die Welt der Bilder und die Zukunft des Gestaltens? Das Forschungsprojekt „Postfotografische Bilder. Generative Bildgebungsverfahren“ der Hochschule Bielefeld ist angetreten, die intellektuellen Ressourcen zur Beantwortung dieser Frage zu vernetzen. Die Projektleitenden Prof. Dr. Kirsten Wagner und Prof. Adrian Sauer wollen mit Tagungen, Ausstellungen, Workshops und Publikationen den Diskurs zum Thema in Bielefeld bündeln. Das Selbstbewusstsein dafür ist historisch begründet, denn: Ein Bielefelder hat’s erfunden…
Bielefeld (hsbi). Kann Künstliche Intelligenz tatsächlich Kunst schaffen? Kann man Bildern heute überhaupt noch trauen? Soll man Deep Fakes verbieten, auch wenn das die Kunstfreiheit bedroht? Und was bedeutet der Siegeszug von KI-generierten Bildern eigentlich für das Urheberrecht? Wer heute mit Fotografie und künstlerischer Gestaltung zu tun hat, für den gehören solche Fragen mit zu den brennendsten. Auf der Tagung „Bildlichkeit und KI. Ethische und soziale Dimensionen“ am Fachbereich Gestaltung der HSBI fanden sich zuletzt Künstler:innen, Expert:innen, Professor:innen und Studierende zusammen, um über diese brisanten Themen zu diskutieren.
Prof. Adrian Sauer: „Wir wollen zu einem sehr sichtbaren Zentrum für diese Thematik werden.“
Dass so eine international besetzte Veranstaltung nicht in Berlin, London oder New York, sondern in Bielefeld stattfindet, ist kein Zufall. „Bielefeld ist so etwas wie das heimliche Zentrum des Diskurses rund um das postfotografische Bild“, sagt Adrian Sauer, Professur für generative Bildsysteme an der HSBI. „Und seit etwa einem Jahr arbeiten wir daran, zu einem sehr sichtbaren Zentrum für diese Thematik zu werden.“ Zusammen mit seiner HSBI-Kollegin Kirsten Wagner, Professorin für Kulturwissenschaft und Kommunikationswissenschaft, hat er das transdisziplinäre Forschungsprojekt „Postfotografische Bilder. Generative Bildgebungsverfahren“ ins Leben gerufen. Dritte im Bunde ist Jana Sehnert, Studentin im Masterstudiengang Gestaltung.
Das Forschungsprojekt setzt sich mit Spielarten einer Bildproduktion auseinander, die auf Regeln basiert und Algorithmen nutzt. Dabei geht es nicht nur um das große Gegenwartsthema KI, sondern in gleichem Maße um eine historische Einordnung. Denn alles begann mit dem Fotografen Gottfried Jäger, der 1960 eine Stelle als Technischer Lehrer für Fotografie an der Werkkunstschule Bielefeld angenommen hatte. 1968 führte er mit einer Ausstellung im Bielefelder Kunsthaus den Begriff der „Generativen Fotografie“ ein. Hierbei entstehen Bilder nach einem festgelegten Programm oder aufgrund systematisch-mathematischer Prinzipien – auf jede Art der Wiedergabe „fotografischer Realität“ wird verzichtet. Gottfried Jäger bezog sich mit dem Ausstellungstitel auf die „Generative Ästhetik“, mit der der deutsche Philosoph Max Bense drei Jahre zuvor eine neue computerbasierte Kunst propagierte.
Prof. Dr. Kirsten Wagner: „Alle zur Tagung eingeladenen Forscher:innen haben sofort zugesagt“
„Jäger hat das apparative bildgebende System Fotografie selbst untersucht und es ausgelotet in seinen Bildmöglichkeiten“, erklärt Kirsten Wagner. „Als Fotograf, Professor – bei uns von 1972 bis 2002 –, Dekan und zuletzt Hochschulratsmitglied ist Gottfried Jäger daher immer wieder historischer Bezugspunkt für das Forschungsprojekt.“
Zum ersten großen Paukenschlag wurde die dreitägige Konferenz „Post-Photographic Images“ im November 2025. „Alle Forscherinnen und Forscher, die wir dazu nach Bielefeld eingeladen haben, haben quasi sofort zugesagt“, berichtet Kirsten Wagner. Als Keynote-Sprecherin kam so die britische Schriftstellerin, Forscherin und Künstlerin Joanna Zylinska, die sich als Professorin am Londoner King’s College mit Medienphilosophie und Kritischer Digitaler Praxis beschäftigt. Oder Yanai Toister, Künstler aus Finnland und Associate Professor of Visual Information der Tampere University, der den großen Bogen schlug von den Wegbereitern der Generativen Fotografie in den 1960ern bis zu den Herausforderungen, vor die KI heutige Medienschaffende stellt.
Intensive Gruppenarbeit erlebt an der HSBI eine Renaissance
„Die Resonanz unserer Studierenden auf diese Tagungen war unglaublich“, sagt Kirsten Wagner. „Überraschenderweise sind Forschungsergebnisse aus den Vorträgen direkt noch in die Abschlusstexte zu Master- und Bachelorarbeiten eingeflossen. Das Gehörte wurde also unmittelbar angewendet – das hat mich beeindruckt und selbst beflügelt. Genau wie die Tatsache, dass im Kontext des Forschungsprojekts ganz intensiv in Gruppen gearbeitet wurde. Das hatte ich seit Corona so noch nicht wieder erlebt.“
Die hohe Relevanz des Themas und die persönliche Betroffenheit der Studierenden schärft ihr Interesse. „Viele sind ja zurecht verunsichert, wenn sie in den Medien lesen, dass ihren Job in Zukunft ein KI-Agent erledigen könnte“, sagt Adrian Sauer. „Wir sind hier auch ein bisschen Seelsorger:innen.“ Und Kirsten Wagner betont: „Wenn wir uns näher damit beschäftigen, erkennen wir, dass das Subjekt aus dem kreativen Prozess nicht herauszurationalisieren ist. Hinter jeder komplexeren, kritischen kreativen Gestaltung und künstlerischen Arbeit steht immer ein Mensch. Während KI Kunst nur imitieren kann.“
Über Kunst verstehen, was in der Blackbox KI wirklich passiert
Für Jana Sehnert, die das Forschungsprojekt von Studierendenseite her betreut, ist die kritische Haltung der Gestalter:in entscheidend: „Wir wenden uns gegen die Indifferenz diesem Thema gegenüber“, sagt sie. „Viele begegnen ja den jüngsten Entwicklungen im Bereich KI bereits mit Resignation, weil die Machtverhältnisse so erdrückend sind. Gleichzeitig ist die Technologie dahinter enorm extraktiv, und ich sehe auch faschistische Tendenzen. Eine wichtige Erkenntnis für mich aus dem Forschungsprojekt ist, dass es generative Prozesse schon immer gab, wir aber jetzt ein exponentielles Level erreicht haben. Und das treiben Menschen mit ganz konkreten Interessen voran. Künstlerische Forschung kann uns als Gesellschaft dazu anregen, hier nicht gleichgültig zu werden.“
Verstehen hilft dabei. Hier kommt zum Beispiel der Künstler Darius Bange ins Spiel, der zum Projektteam des Forschungsprojekts gehört. „Er hat als einer der ersten unserer Masterstudenten mit dem KI-Cluster der HSBI zusammengearbeitet und konnte das Rechenzentrum für seine Abschlussarbeit ‚Latent Topologies‘ nutzen“, sagt Adrian Sauer. Für diese Rauminstallation hat Bange eine KI mit 220.000 Landschaftsaufnahmen trainiert. „Diesen kuratierten Datensatz macht er ästhetisch wahrnehmbar und zeigt damit, was in der Blackbox KI eigentlich passiert. Das ist in Bielefeld ziemlich einmalig und auch weit über die Region hinaus von Bedeutung.“
Es entsteht ein globales Netzwerk von Akteur:innen, und Wissen wird gebündelt
Mit Ausstellungen in der Galerie „HSBI-Satellit“ in der Bielefelder „Wissenswerkstadt“, im eigenen Fachbereichsgebäude und im Bielefelder Stadtraum verschafft das Forschungsprojekt Studierenden und ihren künstlerischen Positionen öffentliche Wirksamkeit. Workshops von international renommierten Künstler:innen runden das Angebot des Forschungsprojekts für Studierende ab.
Was dabei im Hintergrund entsteht, ist ein globales Netzwerk von Akteur:innen in diesem Feld. „Es ist wichtig für uns zu erschließen, wer was auf dem Gebiet überhaupt schon gemacht und veröffentlicht hat“, erklärt Kirsten Wagner. „Tatsächlich ist viel Theoretisches noch gar nicht an der Praxis gemessen worden.“ Und die Professor:innen lernen in diesem Prozess gleichermaßen von den Studierenden. „Die sind ja technisch hoch affin und sehr interessiert, was neue Rechnerarchitekturen und KI-Modelle angeht, die immer schneller auf uns zukommen“, so Adrian Sauer. „Als Profs profitieren wir sehr von dieser Aufmerksamkeit.“ Und Jana Sehnert ergänzt: „Sich vernetzen, einen Überblick verschaffen, verschiedene Expertisen bündeln – darum geht es jetzt ganz stark in dieser Forschungsgruppe.“
Eine weitere große Tagung ist für den Herbst 2027 geplant
Neue Projekte sind derweil in der Pipeline. Im Open-Access-Journal „Dialoge über Gestaltung“ der HSBI sollen in der dritten Ausgabe im Herbst die Ergebnisse der großen Tagung vom November 2025 zur Abbildung kommen. Für den Sommer 2027 ist in und mit der Kunsthalle Bielefeld eine Ausstellung geplant, bei der historische künstlerische Positionen der Generativen Fotografie auf aktuelle Arbeiten von HSBI-Studierenden treffen. „Und im Herbst 2027 soll dann eine zweite große Tagung folgen, bei der es um Entwurfspraktiken und KI gehen wird“, sagt Adrian Sauer. Der hochschulinternen Fonds für Künstlerische Forschung hat das Projekt „Postfotografische Bilder. Generative Bildgebungsverfahren“ gerade noch einmal mit 20.000 Euro bezuschusst, sodass seine Existenz bis Ende 2028 gesichert ist. „Am Schluss steht dann ein große Best-of-Publikation“, so Sauer.
Weitere Informationen:
https://www.hsbi.de/presse/pressemitteilungen/das-forschungsprojekt-postfotografische-bilder-generative-bildgebungsverfahren-vernetzt-die-intellektuellen-ressourcen-zum-thema-in-bielefeld Pressemitteilung auf www.hsbi.de
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