Schulische Präventionsprogramme bei Computerspielsucht und problematischen Onlinegewohnheiten
Schulische Präventionsprogramme sollen helfen, Jugendliche vor Computerspielsucht und problematischen Onlinegewohnheiten zu schützen. Doch wie wirksam sind diese Interventionen, wenn es um einen kontrollierten Umgang mit Computerspielen und dem Internet geht? Dieser Frage ist ein Forschungsteam unter Leitung von Prof. Dr. Katajun Lindenberg vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg im Rahmen einer landesweiten Studie nachgegangen. Die Ergebnisse zeigen, dass mit einem über vier Wochen laufenden verhaltenstherapeutischen Programm bei stark suchtgefährdeten Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf längere Sicht stärkere Effekte erzielt wurden als mit einem Medienbildungsprogramm.
Pressemitteilung
Heidelberg, 4. September 2026
Schulische Präventionsprogramme bei Computerspielsucht und problematischen Onlinegewohnheiten
Heidelberger Wissenschaftlerinnen testen in einer auf vier Jahre angelegten landesweiten Studie die Wirksamkeit von verhaltenstherapeutischem Ansatz und Medienbildung
Schulische Präventionsprogramme sollen helfen, Jugendliche vor Computerspielsucht und problematischen Onlinegewohnheiten zu schützen. Doch wie wirksam sind diese Interventionen, wenn es um einen kontrollierten Umgang mit Computerspielen und dem Internet geht? Dieser Frage ist ein Forschungsteam unter Leitung von Prof. Dr. Katajun Lindenberg vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg im Rahmen einer landesweiten Studie nachgegangen. Daran teilgenommen haben insgesamt rund 1.800 Jugendliche an 44 weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg. Die Ergebnisse zeigen, dass mit einem über vier Wochen laufenden verhaltenstherapeutischen Programm bei stark suchtgefährdeten Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf längere Sicht stärkere Effekte erzielt wurden als mit einem Medienbildungsprogramm.
„Vor dem Hintergrund laufender Debatten über wirksame Maßnahmen zum Schutz der psychischen Gesundheit junger Menschen im digitalen Zeitalter ist die Frage nach wirksamen Interventionen hochaktuell“, betont Katajun Lindenberg, die an der Universität Heidelberg die Professur für Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters innehat und die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche leitet. Neben viel diskutierten regulativen Maßnahmen wie Altersbeschränkungen werden parallel Maßnahmen gefordert, die Jugendliche zu einem kompetenten Umgang mit Computerspielen sowie mit dem Internet befähigen sollen. Dazu gehören auch Präventionsprogramme mit einem verhaltenstherapeutischen Ansatz oder mit dem Ansatz der Medienbildung. „Unsere Untersuchungen liefern wichtige empirische Erkenntnisse zu der Frage, welche Programme und Inhalte besonders wirksam sind und welche Zielgruppen am stärksten profitieren“, so Prof. Lindenberg. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verglichen dazu das verhaltenstherapeutische Programm PROTECTtraining und das auf Medienbildung basierende Programm PROTECTinfo – zwei für den schulischen Kontext entwickelte Interventionen, die in zeitlichem Umfang und Durchführungsaufwand identisch sind, sich aber in ihren Inhalten unterscheiden.
Computerspielsucht sowie andere problematische Onlinegewohnheiten – etwa die übermäßige Nutzung sozialer Medien – können bei Jugendlichen zu verringerter psychischer und körperlicher Gesundheit sowie schwerwiegenden Beeinträchtigungen in wichtigen Lebensbereichen wie Schule, Familie, Freundschaften und Freizeit führen. Um herauszufinden, wie wirksam schulbasierte Interventionen bei der Prävention von onlinebasiertem Suchtverhalten sind, führte das Forschungsteam eine randomisierte, auf vier Jahre angelegte Untersuchung mit Jugendlichen im Alter von 11 bis 18 Jahren durch. Dazu nahmen 1.793 Schülerinnen und Schüler an einer vierwöchigen Intervention mit insgesamt vier 90-minütigen Einheiten teil. Eine Hälfte der Jugendlichen absolvierte das verhaltenstherapeutische Programm PROTECTtraining, bei dem unter anderem der „Teufelskreis“ der Sucht erklärt sowie Verhaltensänderung und Emotionsregulation trainiert wurden. Eine zweite Kontrollgruppe durchlief das Medienbildungsprogramm PROTECTinfo zu Themen wie Medienkompetenz, Gaming, Cybermobbing und den rechtlichen Aspekten digitalen Handelns.
Im Rahmen der Präventionsstudie überprüfte das Forschungsteam das Online-Suchtverhalten und das psychische Wohlbefinden der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Beginn und Ende der Programme sowie nach vier und zwölf Monaten. Eine gesonderte Auswertung führten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für Jugendliche durch, bei denen zu Beginn der Studie ein vergleichsweise hohes Suchtrisiko ermittelt worden war. Die Abschlussbefragung nach einem Jahr ergab, dass bei Heranwachsenden ohne Risiko für ein Suchverhalten – die Mehrheit der Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer – ein Effekt auf die Symptomatik kaum messbar war. Bei Jugendlichen mit hohem Suchtrisiko hingegen erwiesen sich beide Interventionen als wirksam, signifikant effektiver war jedoch die verhaltenstherapeutische Maßnahme.
„Im direkten Vergleich ist das verhaltenstherapeutische Programm um die Hälfte wirksamer gegen Computerspielsucht und anderes problematisches Onlineverhalten als das Medienbildungsprogramm“, betont Prof. Lindenberg. Nach den Worten der Heidelberger Wissenschaftlerin zeigen die Ergebnisse darüber hinaus, dass gezielte, auf Risikogruppen zugeschnittene Maßnahmen im schulischen Kontext wesentlich bessere Resultate erreichen und ressourcenschonender sind als flächendeckend implementierte Ansätze der Prävention.
Das damalige Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie das frühere Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg haben die Forschungsarbeiten gefördert. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „JAMA Network Open“ erschienen.
Kontakt:
Universität Heidelberg
Kommunikation und Marketing
Pressestelle, Telefon (06221) 54-2311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Katajun Lindenberg
Psychologisches Institut
Telefon (06221) 54-7701
katajun.lindenberg@psychologie.uni-heidelberg.de
Originalpublikation:
K. Lindenberg, S. Kewitz, I. Neumann, S. Brand, D. Huth, J. Lardinoix, K. Leo, C. Szász-Janocha, D. L. King, L. Wartberg: Cognitive Behavioral Therapy vs Media Literacy for Prevention of Gaming Disorder and Unspecified Internet Use Disorder, JAMA Network Open. 2026;9(9):e2631942, DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2026.31942
Weitere Informationen:
https://www.psychologie.uni-heidelberg.de/arbeitseinheit/kiju – Katajun Lindenberg
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