Neuester Empedoklesfund wirft Licht auch auf römischen Philosophen Lukrez
Ein neuentdeckter fragmentarischer Versabschnitt aus Empedokles‘ Über die Natur legt nahe, dass Lukrez diesen Textzusammenhang adaptiert. Darin dient die Abfluss- und Porentheorie als Grundlage für die Erklärung von Wahrnehmung, Magnetismus und Kohäsion. Demnach orientiert sich Lukrez nicht nur formal, sondern auch inhaltlich am Vorsokratiker. Der Fund verändert das Bild vom Verhältnis des Lukrez zu seinen griechischen Modellen.
FRANKFURT. Unsere Kenntnis der griechischen Literatur wird immer wieder durch spektakuläre Funde auf Papyrus erweitert. So ist es kürzlich im Falle des vorsokratischen Dichterphilosophen Empedokles (5. Jhd. v. Chr) geschehen, aus dessen insgesamt verlorenem Lehrgedicht Über die Natur der belgische Philologe Nathan Carlig im Keller des Institut français d’ archéologie orientale du Caire ein Fragment mit bislang unbekannten Versen gefunden hatte. Jetzt haben die Frankfurter Altphilologen Hans Bernsdorff und Julian Kaiser herausgefunden, dass der römische Lehrdichter Lukrez (1. Jhd. v. Chr.) den Textzusammenhang adaptiert, aus dem das neugefundene Fragment stammt. Dieser
Befund wirft neues Licht auf das Verhältnis des Römers zu seinem griechischen Vorbild. Dies ist nicht zuletzt von höchstem Interesse, als Lukrezens Lehrgedicht De rerum natura eine gewaltige Nachwirkung in der Neuzeit hatte, z. B. auf Karl Marx, der ihn als wichtige Quelle für den antiken Materialismus benutzte.
Obwohl der neue griechische Text stark fragmentarisch ist (es sind nur Hexameterenden und -anfänge von zwei Kolumnen überliefert), konnte Carlig in seiner zusammen mit Alain Martin und Oliver Primavesi im April dieses Jahres vorgelegten Erstausgabe aufgrund von Nachrichten bei späteren Autoren, u.a. Platon, zeigen, um welchen Teil der empedokleischen Lehre es geht: die Theorie der Abflüsse und Poren. Demnach sendet jedes Objekt Abflüsse der in ihm enthaltenen Elemente aus. Diese Theorie wird zur Erklärung einer ganzen Reihe von natürlichen Phänomenen herangezogen. Eines davon ist die Wahrnehmung. Die Abflüsse werden von dem im Inneren eines jeden Wahrnehmungsorgans vorherrschenden Element angezogen. Der eigentliche Wahrnehmungsvorgang findet an den Poren einer Außenmembran des Wahrnehmungsorgans statt. Diese Poren sind materiell von den einströmenden Elementmassen verschieden, ihre geometrische Form sorgt allerdings dafür, dass nur Elementteilchen, die genau in sie passen (also nicht zu groß und nicht zu klein sind), von ihren Innenwänden wahrgenommen werden. So ist es ausgeschlossen, dass wir Farben schmecken, Töne sehen usw.
Man wusste schon vor dem Neufund im Prinzip, dass Lukrez auf diese Theorie an verschiedenen Stellen seines Lehrgedichts zurückgreift, wegen fehlender Originaltexte war aber nicht klar, wie eng die Anlehnung an Empedokles war. Anhand der neugefundenen Versfragmente war es Bernsdorff und Kaiser nun möglich zu zeigen, dass es sprachliche, inhaltliche und strukturelle Berührungen mit einer längeren Lukrezpassage im sechsten Buch von De rerum natura gibt, in der die Abfluss- und Porentheorie als Grundlage für die danach folgende Erklärung des Magnetismus und der Kohäsion referiert wird. Damit kann überhaupt zum ersten Mal verfolgt werden, wie sich Lukrez über einen längeren Passus an dem Vorsokratiker orientiert, und zwar nicht nur formal, sondern auch inhaltlich. Dieser Befund ist für eine alte Streitfrage der Lukrez-Interpretation wichtig: In welchem Verhältnis steht der Römer zu dem 400 Jahre früher dichtenden und denkenden Empedokles? Lukrez folgt der ganz anders gearteten und für ihn moderneren Lehre des Epikur und preist den Meister in einem enthusiastischen Lobpreis. Doch erhält Empedokles wenig später ein kaum minder enthusiastisches Lob und das, obwohl Lukrez Teile der empedokleischen Philosophie wie die Elementenlehre ausdrücklich kritisiert. Es herrscht Uneinigkeit darüber, ob Lukrez mit seinem Lob nur die Klarheit und sprachliche Eleganz der empedokleischen Dichtungen meint und ihn damit nur als sein formales Vorbild für ein epikureisch ausgerichtetes Lehrgedicht propagiert oder ob er ihm auch inhaltlich folgt, wo es möglich ist. Die jetzt von Bernsdorff und Kaiser aufgedeckten Parallelen sprechen entschieden für die zweite Position.
Der Fund zeigt einmal mehr, wie Neufunde auf dem Gebiet der griechischen Literatur auch unser Bild der davon abhängigen römischen Literatur verändern. Der Beitrag von Bernsdorff und Kaiser wird demnächst in der renommierten Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik erscheinen.
Publikation: Hans Bernsdorff, Julian Kaiser, Der neue Kairener Empedokles-Papyrus und Lukrez. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Hans Bernsdorff und Julian Kaiser
Institut für Klassische Philologie
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Norbert-Wollheim-Platz 1
60629 Frankfurt/Main
bernsdorff@em.uni-frankfurt.de
Kaiser.J@em.uni-frankfurt.de
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