Neues Leben für Steinriffe in der Ostsee
Mit einer Auftaktveranstaltung am 22. September im Marine Science Campus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) startet das Projekt „Riffretter“. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Expertinnen und Experten aus Behörden und Bildungseinrichtungen werden in den kommenden drei Jahren unter Leitung der CAU die Wiederherstellung eines historischen Riffstandortes vor der schleswig-holsteinischen Küste bei Waabs/Boknis Eck in der Eckernförder Bucht mit umfangreichen Aktivitäten begleiten. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördert das Projekt Riffretter im Zuge des DBU-Meeresnaturschutzfonds bis August 2029 mit fast 980.000 Euro.
Bis in die 1970er-Jahre hat die „Steinfischerei“ den Meeresboden und die Ökosysteme in der Ostsee nachhaltig verändert. Dort, wo einst Gesteine aus der Eiszeit ein flaches Steinriff bildeten, fehlt bis heute ein wichtiger Lebensraum. Eine neue Kompensationsmaßnahme soll dieses wertvolle Habitat nun wiederherstellen: Das Wasserstraßen-Neubauamt Nord-Ostsee-Kanal (WNA) plant, zum Jahresende Steine und Blöcke im küstennahen Bereich auf dem Meeresboden abzulegen, um damit den einstigen Riffstandort neu zu beleben.
Forschende des Center for Ocean and Society (CeOS) der Universität Kiel gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen des Forschungs- und Technologiezentrums Büsum (FTZ) der CAU, des Ostsee Info-Centers Eckernförde (OIC) und der Deutschen Umwelthilfe (DUH) verbinden im Projekt ökologische Forschung, sozial-ökologische Analysen und Umweltbildung miteinander und entwickeln einen Leitfaden für künftige Renaturierungsmaßnahmen.
„Im Projekt vereinen wir Expertinnen und Experten aus Forschung, Praxis und Landesbehörden. Gemeinsam wollen wir die Wirksamkeit von Wiederherstellungsmaßnahmen, wie hier am Beispiel eines flachen Steinriffes, möglichst umfassend untersuchen. Dabei erforschen wir nicht nur die ökologischen Folgen, sondern nehmen auch die gesellschaftliche Akzeptanz und die Umweltbildung in den Blick“, sagt Dr. Christian Wagner-Ahlfs, Koordinator des Riffretter-Projektes und im Center for Ocean and Society des CAU-Forschungsschwerpunktes Kiel Marine Science verantwortlich für transdisziplinäre Forschungsmethoden.
Steinfischerei veränderte Ökosysteme gravierend
Flache Steinriffe zählen zu den wertvollsten Lebensräumen der Ostsee. Die Gesteine, die während der letzten Eiszeit auf den Meeresgrund gelangten, bieten der Flora und Fauna einen vielfältigen Lebensraum. Noch vor rund 50 Jahren wurden die Steine in großem Umfang aus dem Meer geholt – etwa für den Bau von Hafenanlagen, Deichen oder Straßen – bis zum endgültigen Verbot der Steinfischerei im Jahr 1976. Dadurch gingen schätzungsweise 100 bis 200 Quadratkilometer dieses Lebensraums in der gesamten Ostsee und rund 5,6 Quadratkilometer in der schleswig-holsteinischen Ostsee verloren. Die Folgen wirken bis heute im Ökosystem nach. In den kommenden drei Jahren soll das Riff wieder Rückzugsort für die heimischen Lebensgemeinschaften werden. Für die geplante Wiederherstellung des Riffs bei Waabs/Boknis Eck werden nun in einem ersten Schritt die Steine, die beim Ausbau des Nord-Ostsee-Kanals ausgehoben wurden, auf dem Meeresboden abgelegt.
Breites Bündnis aus Wissenschaft, Behörden und Praxis
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Behörden sowie Praxispartnerinnen und -partner setzen zu dieser Maßnahme Begleitforschung um und untersuchen systematisch die ökologische und soziale Wirksamkeit solcher Maßnahmen in der westlichen Ostsee. Ziel ist es, geeignete Methoden für ein standardisiertes Monitoring zu identifizieren und daraus eine Leitlinie zur Wiederherstellung von Riffen in der Ostsee zu entwickeln.
Für die ökologische Forschung am neuen Riff setzt PD Dr. Katja Heubel, Arbeitsgruppenleiterin Küstenökologie (ECOLAB) am Forschungs- und Technologie-Zentrum Büsum (FTZ) an der Uni Kiel erstmals auf passives akustisches Monitoring für die Entwicklung von Fischpopulationen im Riff und erprobt die Möglichkeiten einer nicht-invasiven Langzeitbeobachtung der Unterwasserwelt.
Die sozial-ökologische Forschung zur gesellschaftlichen Wahrnehmung, Akzeptanz, Chancen und möglichen Hindernissen von Wiederherstellungsmaßnahmen wird von Dr. Lotta Kluger, die das Thema „Ernährungssicherheit aus dem Meer“ am Center for Ocean and Society der CAU/KMS, verantwortet, umgesetzt. Die Evaluation der Wahrnehmung verschiedener Nutzerinnen- und Nutzergruppen bezüglich der gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen von Steinriffen und deren Wiederansiedlung erfolgt über Interviews und gezielte Umfragen. Die Erörterung von Chancen und Risiken sowie Konflikte der Riff-Etablierung und langfristigen Nutzung wird in Fokusgruppen-Diskussionen passieren.
Das Ostsee Info-Center Eckernförde (OIC) setzt den Wissenstransfer in die Öffentlichkeit um. Unter Federführung von OIC-Leiter Till Holsten werden Angebote für die Umweltbildung entwickelt, um die ökologische Bedeutung von küstennahen Steinriffen an unterschiedliche Zielgruppen zu vermitteln. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Sport- und Freizeittaucherinnen und -tauchern, für die ein Praxisleitfaden zum Umgang mit dem Lebensraum Riff erarbeitet wird.
Ein weiterer Projektpartner ist die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Das Team „Lebendige Meere“ der DUH kümmert sich um den Netzwerkaufbau und die bundesweite Öffentlichkeitsarbeit. Zudem erarbeitet es einen Leitfaden zur Riffwiederherstellung in der Ostsee und bündelt dafür Erfahrungen aus bisherigen Maßnahmen, unter anderem aus Deutschland und Dänemark. Damit soll die Grundlage für weitere Riffwiederherstellungen geschaffen werden.
Riffretter soll langfristig zur Erholung mariner Lebensräume beitragen. Bereits in der Planungsphase konnten alle relevanten Akteure als assoziierte Projektpartner gewonnen werden. Das Wasserstraßen-Neubauamt (WNA) Nord-Ostsee-Kanal führt die Wiederherstellungsmaßnahme durch. Das Landesamt für Umwelt (LfU) Schleswig-Holstein ist Auftraggeber und Kooperationspartner für ökologische und geowissenschaftliche Kartierungen nach europäischen Richtlinien (FFH, WRRL, MSRL) in schleswig-holsteinischen Küstengewässern und -meeren von Nord- und Ostsee, und das Ministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur des Landes Schleswig-Holstein (MEKUN) verantwortet die Weiterentwicklung des Meeresschutzes im Land. Im Projektverlauf sollen weitere lokale Akteure wie beispielsweise Tauchvereine eingebunden werden.
Links
Center for Ocean and Society/KMS https://oceanandsociety.org/
Arbeitsgruppe ECOLAB,Forschungs- und Technologiezentrums Westküste (FTZ)
https://www.ftz.uni-kiel.de/de/forschungsabteilungen/ecolab-kuestenoekosysteme
Deutsche Umwelthilfe www.duh.de
Ostsee Info-Center https://www.ostseebad-eckernfoerde.de/ostsee-info-center
Deutsche Bundesstiftung Umwelt https://www.dbu.de/
Über den CAU-Forschungsschwerpunkt Kiel Marine Science (KMS):
Kiel Marine Science (KMS) ist das Zentrum für interdisziplinäre Meereswissenschaften an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). KMS bildet die organisatorische Einheit für alle natur-, geistes- und sozialwissenschaftlich arbeitenden Forscherinnen und Forscher, die sich mit den Meeren, Küsten und den Einfluss auf die Menschheit beschäftigen. Die Expertise der Gruppen kommt beispielsweise aus den Bereichen der Klimaforschung, der Küstenforschung, der Physikalischen Chemie, der Botanik, aus der Mikrobiologie, der Mathematik, der Informatik, der Ökonomie oder aus den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Insgesamt umfasst KMS über 70 Arbeitsgruppen an sieben Fakultäten und aus über 26 Instituten. Gemeinsam mit Akteuren außerhalb der Wissenschaft arbeiten sie weltweit und transdisziplinär an Lösungen für eine nachhaltige Nutzung und den Schutz des Ozeans.
https://www.uni-kiel.de/de/forschung/forschungsschwerpunkte/kiel-marine-science
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Christian Wagner-Ahlfs
Center for Ocean and Society / Kiel Marine Science
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU)
E-Mail: cwagnerahlfs@kms.uni-kiel.de
Telefon 0431/880-1554
Weitere Informationen:
https://uni-kiel.de Link zur Meldung
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