Verschwundene Dörfer – Wissenschaftliche Bilanz nach über 100 Jahren Bergbaugeschichte in der Lausitz
Im Herbst 2025 wurden die letzten Gehöfte des Lausitzer Heidedorfes Mühlrose/Miłoraz abgerissen. Damit endeten mehr als 600 Jahre Dorfgeschichte. Mühlrose ist seit 1924 das 89. Dorf, das im Zuge des Lausitzer Braunkohletagebaus vollständig devastiert wurde und dessen Einwohner sich einen neuen Wohnort suchen mussten. Das Buch "Verschwundene Dörfer im Lausitzer Braunkohlenrevier" von Frank Förster erschien vor Kurzem in der 4., aktualisierten und überarbeiteten Auflage und wird am 29. September in Schleife/Slepo vorgestellt.
Insgesamt betraf dieses Schicksal (Devastierung) in diesem einhundertjährigen Zeitabschnitt ca. 30.000 Menschen. Viele von ihnen waren sorbischer/wendischer Herkunft. Nimmt man eine Sprachkarte der Lausitz des Jahres 1900 zur Hand, so ist ein Drittel des damals sorbischen Sprachgebietes seither durch Tagebaue zerstört worden. Die Auswirkungen auf Sprache und Kultur dieser autochthonen Gemeinschaft waren immens.
Der Sorabist Frank Förster (1937-2011) veröffentlichte 1995 mit "Verschwundene Dörfer" einen modernen Klassiker der sorbischen wissenschaftlichen Publizistik (erschienen in der Schriftenreihe des Sorbischen Instituts, Band 8). Das Buch stellte eine Pioniertat dar, da es erstmals die Bilanz der Ortsverluste seit 1924 überblickshaft darstellte und die Dimension des Prozesses greifbar machte, die bis 1990 in der DDR tabuisiert und medial schöngeredet wurde. Das Buch war in 1. und 2. Auflage schnell vergriffen. 2014 erschien eine durch den Sorabisten Robert Lorenz (Sorbisches Institut) betreute Neuauflage. Sie trug auch den Ortsabrissen nach der deutschen Wiedervereinigung Rechnung, zu deren bekanntesten Fällen Horno/Rogow gehört. 2025 wurde wiederum durch Robert Lorenz die 4. Auflage besorgt, in die Mühlrose als voraussichtlich letzte Ortsdevastierung der Lausitz ihren Eingang fand.
Genau einhundert Jahre nach Neu-Laubusch/Nowy Lubuš, dem ersten Ortsabriss, ist damit nun ein historischer Endpunkt erreicht. „Verschwundene Dörfer macht seine Wucht deutlich und gibt den Blick auf den Preis frei, den die Lausitz als Teil der Industriegesellschaft für deren Bestand im 20. und frühen 21. Jahrhundert gezahlt hat“, stellt Herausgeber Dr. Robert Lorenz fest.
Buchvorstellung: Die Buchvorstellung mit dem Herausgeber Dr. Robert Lorenz (Sorbisches Institut) findet am 29.09.2026, 18:00 Uhr, im Sorbischen Kulturzentrum Schleife, Friedensstraße 65, 02959 Schleife, statt.
Rezensionsexemplare: Bitte beim Domowina-Verlag GmbH anfragen, Tel. 03591 - 577 288 bzw. buchhandlung@domowina-verlag.de.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
robert.lorenz@serbski-institut.de Dr. Robert Lorenz, Ethnologe am Sorbischen Institut
Originalpublikation:
https://www.serbski-institut.de/publikation/spisy-8-verschwundene-doerfer/ (Bibliographische Angaben, Leseprobe) - Frank Förster: Verschwundene Dörfer im Lausitzer Braunkohlenrevier. 4., aktualisierte und überarbeitete Auflage, bearbeitet und ergänzt von Robert Lorenz. Schriften des Sorbischen Instituts, Bd. 8. Bautzen: Domowina-Verlag, 2026, 416 S., Broschur, mit Abb. und Karten. ISBN 978-3-7420-2744-3. 32,00 Euro.
Weitere Informationen:
https://www.serbski-institut.de/ Homepage des Sorbischen Instituts, sorabistische Forschungseinrichtung mit Standorten in Bautzen und Cottbus.
Ähnliche Pressemitteilungen im idw