Großer Umbruch: Nur 17 Prozent der ostdeutschen Beschäftigten arbeiteten 1992 noch im gleichen Beruf wie 1989
Das Ende der DDR hat einen dramatischen beruflichen Umbruch für ostdeutsche Beschäftigte mit sich gebracht. Im Jahre 1992 übten nur noch 17 Prozent der männlichen Arbeitnehmer der DDR den gleichen Beruf aus wie 1989. Bei den westdeutschen Männern waren es hingegen 70 Prozent. Das geht hervor aus einem neuen Research Insight, in dem die ROCKWOOL Foundation Berlin (RFBerlin) erstmals diese Zahlen veröffentlicht. „Zwischen 1989 und 1992 erlebten DDR-Beschäftigte eine berufliche Umwälzung in einem Ausmaß, das Westdeutsche schlicht nicht kannten“, sagt Alexandra Spitz-Oener, stellvertretende Leiterin von RFBerlin und Professorin für Volkswirtschaft an der Humboldt-Universität Berlin.
Gleichwohl betrug die Wahrscheinlichkeit, in dem Zeitraum beruflich aufzusteigen, bei männlichen DDR-Beschäftigten etwa 23 Prozent; das sind 18,5 Prozentpunkte mehr als bei West-Beschäftigten derselben Geburtsjahrgänge; die Wahrscheinlichkeit eines beruflichen Abstiegs war allerdings auch um 15 Prozentpunkte höher. „Berufliche Stabilität, nicht Arbeitslosigkeit, das war die schärfste Ost-West-Trennlinie“, sagt Spitz-Oener.
Bei den DDR-Frauen war die berufliche Umwälzung ähnlich: Nur 17 Prozent im Osten waren 1992 im gleichen Beruf wie 1989. In Westdeutschland waren es hingegen 63 Prozent. Aber der Aufstieg von DDR-Frauen überstieg den Abstieg in allen Geburtsjahrgängen. Zwischen 1989 und 1992 betrug die Wahrscheinlichkeit eines beruflichen Aufstiegs bei DDR-Frauen im Durchschnitt 22 Prozent, das war um 19 Prozentpunkte höher als bei westdeutschen Frauen; die Abstiegswahrscheinlichkeit war allerdings auch um 9,8 Prozentpunkte höher. Insgesamt deuten die Zahlen darauf hin, dass die Wiedervereinigung für viele Männer und Frauen der DDR neue berufliche Chancen eröffnete, zugleich aber auch Risiken mit sich brachte.
Für zwischen 1929 und 1931 geborene Männer und Frauen (1989 etwa 60 Jahre alt) war der Übergang in die Nichterwerbstätigkeit das prägende Arbeitsmarktereignis – er betraf Ost- und Westdeutsche und spiegelte die damals flächendeckende Anwendung von Frühverrentungsprogrammen in ganz Deutschland wider. 80 Prozent der männlichen DDR-Beschäftigten wurden in dieser Zeit arbeitslos oder gingen in den Ruhestand; der entsprechende Wert bei den Westmännern betrug 54 Prozent. Bei den Ostfrauen waren es 49 Prozent, bei den Westfrauen sogar 81 Prozent.
Die Arbeitslosenquote bei Männern der DDR stieg insgesamt bis 1992 von 0 auf 10 Prozent, bei Frauen sogar von 0 auf rund 20 Prozent. In der DDR gab es per Definition keine Arbeitslosigkeit. Bei Männern verharrte sie jahrelang bei 10 Prozent, stieg jedoch ab 1996 stark an und erreichte 1998 rund 18 Prozent. Bei Frauen verharrte die Quote in den restlichen 90er-Jahren bei über 20 Prozent. Im Westen stieg die Arbeitslosenquote in diesem Zeitraum ebenfalls und lag bei Männern und Frauen jeweils bei etwa 10 Prozent.
Die Studie betrachtet die Geburtsjahrgänge 1929–1931, 1939–1941, 1949–1951 und 1959–1961.
Zum Hintergrund: Am 9. November 1989 öffnete die DDR-Regierung die Mauer. Die erste freie Volkskammerwahl fand statt am 18. März 1990. Die Wirtschafts- und Währungsunion mit der Einführung der westdeutschen D-Mark im Osten folgte am 1. Juli. Am 3. Oktober 1990 trat die DDR offiziell der Bundesrepublik Deutschland bei.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Alexandra Spitz-Oener, 0171 / 205 41 32; aso@rfberlin.com
Originalpublikation:
RFBerlin Research Insight: “Regime Change and Occupational Mobility: How German Reunification Reshuffled the Labor Market”, von Alexandra Spitz-Oener;
https://www.rfberlin.com/research-insight/
Weitere Informationen:
https://www.jstor.org/stable/48811538 "Regime Change and Occupational Mobility: Former GDR Workers During the Wende”, von Alexandra Spitz-Oener, in: Revue économique, Vol. 75, No. 5 (SEPTEMBRE 2024), pp. 849-868 (20 pages);
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