Erfahrungen in Kindheit und Jugend für präzisere Behandlung von Depressionen
Zum Europäischen Depressionstag am 4. Oktober zeigt das DZPG, wie Vernachlässigung und Missbrauch in der Kindheit künftig zu einer präziseren Behandlung chronischer Depression beitragen könnten. Eine 2024 in The Lancet Psychiatry veröffentlichte Analyse ergab: Betroffene mit bestimmten Belastungsmustern sprachen signifikant stärker auf die spezifische Psychotherapie CBASP an als auf supportive Psychotherapie. Entscheidend könnte daher nicht nur sein, ob frühe Belastungen vorliegen, sondern in welcher Kombination. Am DZPG-Standort München-Augsburg wird der Ansatz weiterentwickelt. Ziel ist ein einfach anwendbares Tool, das solche Erfahrungen erfasst und Behandlungsentscheidungen unterstützt.
Welche Therapie hilft welchem Menschen am besten? Bei Depressionen lässt sich das häufig nicht im Voraus beantworten. Zum Europäischen Depressionstag am 4. Oktober rücken Forschende des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG) deshalb die Lebensgeschichte der Betroffenen in den Mittelpunkt.
Am DZPG-Standort München-Augsburg wird untersucht, ob Erfahrungen von Vernachlässigung und Misshandlung bei der Auswahl einer Behandlung helfen können. Ausgangspunkt ist eine 2024 in The Lancet Psychiatry veröffentlichte Analyse einer randomisierten Therapiestudie mit 253 Erwachsenen mit früh beginnender chronischer Depression, geleitet vom DZPG-Forschenden Prof. Frank Padberg. Die Analyse zeigte, dass bei bestimmten Mustern früher Belastungen die Betroffenen signifikant stärker auf die speziell für chronische Depression entwickelte Psychotherapie CBASP ansprachen als auf eine unspezifische supportive Psychotherapie. CBASP setzt gezielt an zwischenmenschlichen Erfahrungen an. Rückzug, Misstrauen oder das Vermeiden von Nähe können in einer belastenden Kindheit Schutz geboten haben, später jedoch Beziehungen erschweren. In der Therapie werden solche Muster untersucht und neue Handlungsweisen erarbeitet.
Nicht nur die Diagnose, sondern auch den Lebensweg betrachten
„Wir untersuchen, ob Informationen zu Belastungen in der Kindheit, die bereits mit wenigen Fragen erfasst werden können, Diagnostik und Therapie von psychischen Erkrankungen verbessern“, sagt Frank Padberg. Die Forschenden nutzten einen Fragebogen, der emotionale und körperliche Vernachlässigung, emotionalen und körperlichen Missbrauch sowie sexuellen Missbrauch erfasst. Mithilfe eines entwickelten Online-Tools werden die Fragebogenwerte Belastungsmustern zugeordnet, die sehr unterschiedliche Erfahrungskonstellationen in der Kindheit widerspiegeln. „Ziel ist nicht, Menschen aufgrund ihrer Vergangenheit einer Therapie zuzuordnen. Vielmehr wollen wir bislang medizinisch kaum berücksichtigte Informationen zu Vernachlässigung und Missbrauch in der Kindheit für die Praxis nutzbar machen, da sie in engem Zusammenhang mit psychischen und körperlichen Erkrankungen im Erwachsenenalter stehen“, betont Padberg.
Das Ziel der Weiterentwicklung im DZPG-Projekt am Standort München-Augsburg ist ein validiertes klinisches Tool, das frühe traumatische Erfahrungen zuverlässig und mit geringem Aufwand erfasst und Behandlungsentscheidungen unterstützt. Der Ansatz wird derzeit in einer klinischen Studie geprüft.
DZPG-Sprecher Prof. Peter Falkai betont: „Das Projekt steht damit exemplarisch für den Translationsgedanken des DZPG: Aus einer klinischen Beobachtung wird eine überprüfbare Vorhersage und daraus soll ein praktikables Instrument für eine individuellere Versorgung entstehen.“
DZPG-Sprecherin Prof. Silvia Schneider ergänzt: „Personalisierte Behandlung bedeutet, nicht nur die Diagnose, sondern den Menschen mit seiner individuellen Lebensgeschichte in den Blick zu nehmen. Genau solche Ansätze tragen dazu bei, Therapien gezielter auszuwählen und nachhaltige Behandlungserfolge zu ermöglichen.“
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
DZPG-Wissenschaftler
Prof. Dr. Frank Padberg
Geschäftsführender Oberarzt
Leiter der Sektion Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Center for Neurostimulation LMU (CNSLMU)
LMU Klinikum
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Originalpublikation:
https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(24)00209-8/fulltext
Weitere Informationen:
https://www.dzpg.org/aktuelles/pressemitteilungen/beitrag/erfahrungen-in-kindheit-und-jugend-fuer-praezisere-behandlung-von-depressionen
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