China-Schock 2.0: Europas Handelspolitik übergeht die strategische Frage
Vor dem Europäischen Rat am 15. und 16. Oktober diskutieren Brüssel, Paris und Berlin über schnelleren Handelsschutz, Buy-European-Regeln und ein neues Diversifizierungsinstrument als Antworten auf den „China-Schock 2.0“. Ein neuer Kiel Policy Brief argumentiert, dass diese Debatte die Frage übergeht, die am Anfang stehen müsste: Was will Europa eigentlich erreichen? Ohne klare strategische Ziele läuft Europa Gefahr, seinen Instrumentenkasten zu erweitern, ohne ihn wirksamer zu machen.
Der Kiel Policy Brief benennt die institutionellen Hürden, die der von Frankreich und Deutschland geforderten strategischen Handels- und Industriepolitik im Weg stehen. Zugleich macht er einen konkreten Vorschlag, wie sie sich überwinden lassen.
Inzwischen steht China in knapp 40 Prozent der Sektoren, in denen Europa einen komparativen Vorteil hat, in direkter Konkurrenz zum Euroraum. Anfang der 2000er-Jahre waren es noch rund 25 Prozent. Besonders exponiert ist Deutschland: Die Auto-, Maschinenbau- und Chemieindustrie verlieren Exporte an China und spüren wachsende chinesische Konkurrenz im Inland wie auf Drittmärkten.
„Europa sitzt auf seinem größten geoökonomischen Trumpf, dem Zugang zum eigenen Markt, und hat keine Möglichkeit, ihn zu nutzen“, sagt Julian Hinz, Leiter der Forschungsgruppe Handelspolitik am Kiel Institut und Mitautor des Kiel Policy Briefs. „China hat seine Autoindustrie aufgebaut, indem es den Marktzugang an lokale Produktion geknüpft hat. Die EU kann das nicht, selbst wenn sie wollte. Alle ihre Instrumente setzen bei Preisen und an der Grenze an, keines dort, wo produziert wird.“
Das deutsch-französische Non-Paper schließt die Lücke nicht
Die Autorin und Autoren prüfen den gesamten Instrumentenkasten: Ausgleichszölle, Schutzmaßnahmen, Auflagen bei Subventionen, öffentliche Beschaffung, Local-Content-Vorgaben, das Instrument gegen wirtschaftlichen Zwang (Anti-Coercion-Instrument) und Sanktionen. Für den Handelsschutz reicht dieser Instrumentenkasten weitgehend aus, auch wenn er langsam ist. Für ein strategisches Ziel taugt er dagegen nicht. Das deutsch-französische Non-Paper vom 5. Oktober sieht zwar ein zusätzliches Instrument vor, um auf Bedrohungen zu reagieren. Im Übrigen setzt es aber auf mehr und schnelleren Handelsschutz.
„Das Merz-Macron-Papier bietet mehr von denselben reaktiven Maßnahmen“, sagt Hinz. „Hundert Abwehrmaßnahmen ergeben noch keine Strategie. Sie laden zu Lobbyismus im Inland und zu Vergeltung im Ausland ein. Solange Europa nicht fragt, was es selbst produzieren muss, wird es kein strategischer Akteur sein.“
Als Beispiel dienen im Kiel Policy Brief Batterien. Batteriezellen sind ein grundlegendes Vorprodukt für Drohnen und andere autonome Systeme, auch für militärische. Die Nachfrage aus dem Verteidigungsbereich allein kann keine wettbewerbsfähige Zellindustrie finanzieren, ein Massenmarkt für Elektroautos dagegen schon. Die Lokalisierung der E-Auto-Produktion ist daher ein Mittel, um Batteriekompetenz in Europa aufzubauen, und kein Selbstzweck.
Es fehlt nicht nur ein Instrument, sondern die Zuständigkeit
Das Kernproblem ist institutionell: Handel ist Sache der EU, nationale Sicherheit bleibt Sache der Mitgliedstaaten. Deshalb fehlt Europa die Rechtsgrundlage, um auf Basis einer europäischen Sicherheitseinschätzung auf Ebene des Binnenmarkts zu handeln. Die Autoren schlagen ein Instrument für wirtschaftliche Sicherheit vor, ein europäisches Gegenstück zur Logik der US-amerikanischen Section 232. Kurzfristig soll es auf bestehenden Kompetenzen der EU aufbauen, langfristig auf einer eigenen EU-Kompetenz für wirtschaftliche Sicherheit. Das Instrument muss länderneutral ausgestaltet sein. Es könnte damit auch gegenüber bisherigen Partnern greifen, einschließlich der USA.
„Der rechtliche Spielraum ist größer, als viele denken“, sagt Mitautor Christoph Herrmann von der Universität Passau. „Der Rat kann den Außenzoll mit qualifizierter Mehrheit umgestalten, wie die Stahlmaßnahme der EU zeigt. Was fehlt, ist eine europäische Sicherheitskompetenz.“
Als ersten Schritt empfehlen die Autoren, eine Untersuchung einzuleiten, um die Zölle auf Elektroautos auf Hybridfahrzeuge auszuweiten. Damit ließe sich eine offensichtliche Lücke in einer bereits geltenden Maßnahme schließen.
Kiel Policy Brief jetzt lesen: China Shock 2.0 and Europe's Economic-Security Gap: Europe Needs a Tool to Link Market Access to Local Production/https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/china-shock-20-and-europes-economic-security-gap-europe-needs-a-tool-to-link-market-access-to-local-production-20324/
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