Historische Vorstellungen von Mutterschaft auf dem Prüfstand: FU Berlin an europäischem Forschungsprojekt beteiligt
Wie wird Mutterschaft im Mittelalter dargestellt und erzählt? Welche Erwartungen knüpfen sich an die Vorstellungen von Mutterfiguren? Wie haben sich diese historisch und kulturübergreifend gewandelt und welche Rolle spielen dabei die Kategorien von Körper und Geschlecht, Herkunft, Religion oder gesellschaftlicher Stellung? Diesen Fragen widmet sich ein neues europäisches Forschungsprojekt mit Beteiligung von Wissenschaftler*innen der Freien Universität Berlin und untersucht, wie mittelalterliche Literatur Mutterschaft darstellt – und was sich daraus auch für heutige Debatten über Geschlechterrollen, Fürsorge und soziale Ungleichheit lernen lässt.
Das auf drei Jahre angelegte Projekt „Twinning for Intersectional Mothering in the Middle Ages and Beyond“ (InterMoMA) wird im Rahmen des EU-Forschungsprogramms Horizon Europe mit rund 1,5 Millionen Euro gefördert. Twinning ist ein Programmbereich von Horizon Europe, einer Förderlinie der Europäischen Kommission, die darauf abzielt, Vernetzung und Wissensaustausch zwischen international führenden Forschungseinrichtungen aus verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten oder assoziierten Ländern zu stärken sowie zur Mobilität von Forscher*innen beizutragen.
InterMoMA ist eines von nur fünf neu bewilligten Projekten, die in dieser Förderlinie erfolgreich waren. Das Forschungsprojekt startet am 1. Januar 2027 unter der Leitung des Centre for Medieval Arts and Rituals (CeMAR) der University of Cyprus in Nikosia, Zypern und mit Beteiligung der Freien Universität Berlin und der Uppsala University, Schweden.
Normative Vorstellungen von Mutterschaft infrage stellen
An der Freien Universität Berlin erforscht ein Team um die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Jutta Eming, wie mittelalterliche Erzählungen Vorstellungen von Mutterschaft prägen, bestätigen oder infrage stellen. Im Mittelpunkt stehen dabei auch auf den ersten Blick ungewöhnliche Mutterfiguren: intrigante Stiefmütter, Feen oder monströse Wesen, die sich gängigen Vorstellungen von Geschlecht, Körper und Familie entziehen.
InterMoMA verfolgt zugleich mit „Intersectional Mothering“ einen neuen wissenschaftlichen Ansatz. Mutterschaft wird dabei weder als universelle noch als ausschließlich biologische Erfahrung verstanden, sondern als historisch kontingente und gesellschaftlich geprägte Praxis. Dafür wird untersucht, wie Geschlecht, soziale Stellung, Religion, Herkunft und andere Formen gesellschaftlicher Differenzierung Erfahrungen, Handlungsmöglichkeiten und kulturelle Vorstellungen von Müttern und Mutterschaft beeinflussen.
Erforscht werden soll, wie Mutterschaft in verschiedenen mittelalterlichen Kulturen und Literaturen erzählt und dargestellt wird und was sich aus historischen Vorstellungen von Mutterschaft für aktuelle Debatten über Fürsorge, Fragen von Geschlecht und soziale Ungerechtigkeit ableiten lässt.
An der Freien Universität Berlin sind neben der Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Jutta Eming die Mitarbeiterinnen Antonia Murath, Laura Monique Ginzel und Carolin Pape aus dem Bereich der Älteren deutschen Literatur beteiligt. Das Team untersucht mittelalterliche Texte aus einer intersektionalen Perspektive und legt einen besonderen Fokus auf Figuren, die sich etablierten Ordnungen von Geschlecht, Körper, Verwandtschaft und Zugehörigkeit entziehen oder diese überschreiten: Intrigante Stiefmütter, Feen oder Monstren machen sichtbar, wie mittelalterliche Literatur normative Vorstellungen von Mutterschaft aushandelt. Untersucht werden sollen zudem unterschiedliche Rhetoriken von Mutterschaft, die literarische Konstruktion von Mutterfiguren sowie deren Beziehungsdynamiken.
Europäischer Austausch und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses
InterMoMA setzt auf einen intensiven Austausch der beteiligten Universitäten in Nikosia, Uppsala und Berlin. Vorgesehen sind unter anderem Forschungsaufenthalte, Expert*innenbesuche, Workshops, Webinare und auch eine Summer School, die 2028 an der Freien Universität Berlin ausgerichtet wird. Ein besonderes Augenmerk gilt Wissenschaftler*innen in frühen Karrierephasen sowie der Frage, unter welchen Bedingungen Wissenschaft und Care-Arbeit miteinander vereinbart werden können.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Carolin Pape, Freie Universität Berlin, Institut für Deutsche und Niederländische Philologie, Ältere deutsche Literatur und Sprache, E-Mail: c.pape@fu-berlin.de
Weitere Informationen:
https://www.ucy.ac.cy/cemar/intermoma/?lang=en
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