Thomas Fuchs, Karl-Jaspers-Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie, geht in Ruhestand
Vor 16 Jahren nahm Professor Dr. Dr. Thomas Fuchs den Ruf auf die Karl-Jaspers-Professur an der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg an. Nun ist der Psychiater und Philosoph in den Ruhestand verabschiedet worden. Professor Fuchs leitete die Forschungssektion „Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie“ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und war zudem Ärztlicher Leiter der Tagesklinik Blankenburg des Universitätsklinikums Heidelberg. Er forschte und lehrte an der Medizinischen Fakultät Heidelberg sowie als kooptierter Professor am Philosophischen Seminar der Universität Heidelberg. Als Seniorprofessor bleibt er der Ruperto Carola erhalten.
Als Thomas Fuchs in den 1980er-Jahren in München parallel ein Studium der Medizin, der Philosophie und der Wissenschaftsgeschichte begann, war nicht absehbar, wohin die ungewöhnliche Fächerkombination ihn einmal führen würde. Sein Lebensthema fand er in dem vom Philosophen und Psychiater Karl Jaspers begründeten Ansatz, psychiatrische Fragestellungen mit der philosophischen Strömung der Phänomenologie zu verbinden. Ab 1997 leitete Professor Dr. Dr. Thomas Fuchs die interdisziplinäre Forschungssektion „Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie“ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Heidelberg (Ärztliche Direktorin: Professorin Dr. Sabine C. Herpertz), 2010 nahm er den Ruf auf die neu eingerichtete Karl-Jaspers-Professur für „Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie“ an der Medizinischen Fakultät Heidelberg an. In der Folgezeit trug er zu einer engen Vernetzung zwischen Philosophie, Psychiatrie und Neurowissenschaften an der Universität Heidelberg bei. Die Phänomenologie, bis heute Kern seiner Arbeit in Forschung, Lehre und Klinik, beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie Menschen sich selbst, ihre Gefühle und ihren Körper in der Zeit, im Raum und in ihren Beziehungen wahrnehmen. Im September 2026 ist Professor Fuchs in den Ruhestand verabschiedet worden. Von der Universität Heidelberg wurde ihm die Ehrenbezeichnung „Seniorprofessor“ verliehen.
Forschung zum Menschen als verkörpertes und soziales Wesen
„Als Karl-Jaspers-Professor ist es Dr. Dr. Thomas Fuchs gelungen, Psychiatrie, Philosophie und Neurowissenschaften auf einzigartige Weise zu verbinden. Seine Forschungsarbeiten haben wichtige interdisziplinäre Impulse für das Verständnis psychischer Erkrankungen gegeben, die immer wieder weit über die Fachwelt hinaus Aufmerksamkeit gefunden und gesellschaftliche Debatten bereichert haben. Damit hat Professor Fuchs auch wichtige Beiträge zum Wissenstransfer geleistet“, sagt Professor Dr. Michael Boutros, Dekan der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg. Für sein wissenschaftliches Engagement für ein humanistisches Menschenbild, das den Menschen in Verantwortung für seine Mitmenschen und seine Umwelt sieht, wurde Professor Fuchs 2023 der Erich-Fromm-Preis verliehen. „Die Auszeichnung unterstreicht, wie eng sein Werk mit dem Anspruch der Medizinischen Fakultät Heidelberg verbunden ist, den Menschen in den Mittelpunkt exzellenter Forschung zu stellen“, so Professor Boutros.
„Die Strahlkraft seiner interdisziplinären Perspektive führte zu einer regen, bis heute ungebrochenen Nachfrage nach philosophischen Promotionen. So konnte Professor Dr. Dr. Thomas Fuchs zahlreiche Promovierende sowie Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler in ihren Forschungen zu Themenfeldern im Grenzgebiet zwischen Philosophie und Psychiatrie betreuen“, würdigt Professor Dr. Hans Martin Krämer, Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg, das Wirken von Professor Fuchs.
Einer von Professor Fuchs‘ wissenschaftlichen Schwerpunkten war das sogenannte Embodiment. Diese „Theorie der Verkörperung“ beschreibt, dass geistige Prozesse nicht allein im Gehirn entstehen, sondern den gesamten Körper und seine Umwelt einbeziehen. In diesem Zusammenhang prägte er die Bezeichnung des „Gehirns als Beziehungsorgan“. „Allein durch die Betrachtung des Gehirns, zum Beispiel durch bildgebende Verfahren oder auch genetische Untersuchungen, lassen sich psychische Krankheiten nicht vollständig erfassen“, so Fuchs. „Für die Diagnose und vor allen Dingen die Therapie ist es wichtig zu verstehen, wie sich die Erkrankung für die Patientinnen und Patienten subjektiv anfühlt und wie sich ihre Wahrnehmung von sich selbst, ihrem Körper und ihrer Umwelt durch das Kranksein verändert.“ In Studien zeigte er beispielsweise, dass körperorientierte Therapieverfahren wie Bewegungs- oder Atemtherapie bei Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie das Gefühl der Entfremdung vom eigenen Körper verringern und so die Behandlung unterstützen können. In weiteren Arbeiten widmete Fuchs sich unter anderem dem Ursprung narzisstischer Störungen aus phänomenologischer Sicht und stellte die Frage, wie soziale Beziehungen die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Persönlichkeit beeinflussen. Zuletzt setzte er sich mit der Bedeutung von Künstlicher Intelligenz (KI) für das Selbstbild und die Verantwortung des Menschen auseinander.
Psychiatrische Versorgung über die Symptome hinaus
Neben seiner Forschungstätigkeit war Professor Fuchs fast 30 Jahre lang als Psychiater an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie tätig. „Mit seinem philosophischen Hintergrund hat Professor Dr. Dr. Thomas Fuchs die psychiatrische Versorgung von Patientinnen und Patienten am Universitätsklinikum Heidelberg in den vergangenen Jahrzehnten enorm bereichert“, sagt Professor Dr. Hanns-Peter Knaebel, Vorstand Medizin und Vorstandsvorsitzender des Verbunds der Universitätsklinika Heidelberg und Mannheim. „Der Aufbau einer Eltern-Kind-Einheit in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und die Einführung eines ganzheitlichen tagesklinischen Behandlungskonzepts sind zwei Beispiele für seinen Anspruch, Patientinnen und Patienten in ihrer gesamten Lebenssituation in den Blick zu nehmen.“
Die Tagesklinik Blankenburg ist eine teilstationäre Klinik des UKHD, in der Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichen psychiatrischen Erkrankungen behandelt werden, etwa mit Psychosen, Depressionen, Persönlichkeits- oder Zwangsstörungen. Als Ärztlicher Leiter der Tagesklinik etablierte Professor Fuchs einen sogenannten „ökologischen Therapieansatz“, der bis heute das Behandlungskonzept prägt: Psychische Erkrankungen werden nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit den Lebenswelten der Patientinnen und Patienten – ihren Beziehungen, ihrer Arbeits- und Wohnumgebung – betrachtet und behandelt. In den 2000er-Jahren baute Professor Fuchs in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des UKHD eine Mutter-Kind-Einheit auf. Hier werden Patientinnen behandelt, bei denen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt psychische Störungen auftreten. „Dass die Babys mit auf die Station aufgenommen werden, war damals neu und auch nicht ganz einfach umzusetzen“, erinnert er sich.
Ein Brückenbauer zwischen Psychiatrie und Philosophie
„Die Stiefel dieser Professur waren natürlich sehr groß. Karl-Jaspers-Professor – das könnte man fast als ein wenig anmaßend empfinden“, sagt Thomas Fuchs. „Andererseits hat die Bezeichnung sehr gut den Brückenschlag aufgezeigt, der meine Arbeit immer gekennzeichnet hat: Wie einst Karl Jaspers bin auch ich ein ‚philosophierender Psychiater‘ – ein Mediziner, der sein Fach aus einer philosophischen und vor allem phänomenologischen Perspektive betrachtet.“ Wer in die Fußstapfen von Professor Fuchs treten wird, steht noch nicht fest: Das Berufungsverfahren für die W3-Professur für „Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie“ an der Medizinischen Fakultät Heidelberg ist noch nicht abgeschlossen. Im Rahmen seiner Seniorprofessur wird Professor Fuchs die Forschungssektion „Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie“ vorläufig weiter leiten.
Zur Person
Thomas Fuchs, 1958 in München geboren, studierte Medizin, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, wo er 1990 in Medizingeschichte promovierte. Es folgte eine psychiatrische, psychodynamische und verhaltenstherapeutische Ausbildung an der Technischen Universität (TU) München. 1997 kam er als Oberarzt ans Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD) und übernahm die Leitung der Sektion „Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie“ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ermöglichte ihm im Jahr 1999 gleich zwei akademische Qualifikationen: Parallel zur Habilitation im Fach Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät Heidelberg promovierte Thomas Fuchs an der LMU in Philosophie.
2005 wurde er Professor für „Psychiatrie und Psychotherapie“ an der Medizinischen Fakultät Heidelberg. 2010 habilitierte er sich auch im Fach Philosophie an der Universität Heidelberg und wurde zum ersten Karl-Jaspers-Professor für „Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie“ ernannt. Die Professur erinnert an den Heidelberger Psychiater und Philosophen Karl Jaspers (1883–1969), der das Verständnis psychischer Erkrankungen um die Perspektive des subjektiven Erlebens der Betroffenen erweiterte. Professor Fuchs ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Phänomenologische Anthropologie, Psychiatrie und Psychotherapie (DGAP) und im Vorstand der Basler Karl-Jaspers-Gesellschaft.
Weitere Informationen:
https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/newsroom/thomas-fuchs-karl-jaspers-professor-fuer-philosophische-grundlagen-der-psychiatrie-und-psychotherapie-geht-in-den-ruhestand/ Diese Pressemitteilung, weiterführende Links und ein Porträt zum Download im Newsroom des UKHD
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