Demografie in Stadt und Land: anders alt, ähnlich jung
Die Alterung der Bevölkerung trifft Deutschland nicht überall gleich. In den Großstädten stellen junge Erwachsene im Alter zwischen 25 und 34 Jahren die größte Altersgruppe, außerhalb der Großstädte sind es die Babyboomer. Das geht aus einer veröffentlichten Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) hervor. Mit dem Ruhestandseintritt der Babyboomer müssen sich deshalb vor allem die Regionen außerhalb der Großstädte auf deutlich weniger Menschen im Berufsleben einstellen. Zugleich sind sich Stadt und Land ähnlicher als oft angenommen: Beim Anteil der Kinder und Jugendlichen, bei der Erwerbsbeteiligung junger Erwachsener und beim Einkommen gibt es kaum Unterschiede.
Die Studie zeigt das mit neuesten Zahlen für 2025 anhand von Bevölkerungspyramiden zu einem breiten Themenspektrum von Familie über Bildung bis hin zu Arbeit und Einkommen. Dabei werden kreisfreie Großstädte, städtische Kreise, die oft im Umland der Großstädte liegen, und ländliche Kreise verglichen.
Großstädte ziehen junge Erwachsene an
Zuzug ist ein wesentlicher Grund dafür, dass in den Großstädten junge Erwachsene die größte Altersgruppe stellen. Ein Teil davon ist Zuwanderung aus dem Ausland: „Aber auch innerhalb Deutschlands ziehen überdurchschnittlich viele junge Menschen in die Großstädte, um etwa eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen“, erklärt Prof. Dr. Sebastian Klüsener, Leiter des Forschungsbereichs Alterung, Mortalität und Bevölkerungsdynamik am BiB und Mitautor der Studie. Bei den Kindern und Jugendlichen zeigt sich hingegen ein einheitliches Bild: „Ob in Großstädten, städtischen oder ländlichen Kreisen: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Bevölkerung beträgt jeweils rund 17 Prozent.“
Deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt es bei Menschen mit Migrationshintergrund. In den Großstädten liegt ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung bei 41 Prozent, in den ländlichen Kreisen bei 20 Prozent. Die städtischen Kreise befinden sich dazwischen. Bei den Kindern und Jugendlichen sind die Zahlen höher: In den Großstädten hat mehr als die Hälfte der unter 18-Jährigen einen Migrationshintergrund, in den ländlichen Kreisen knapp ein Drittel.
Allein, bei den Eltern oder mit Familie: Wie Menschen in Stadt und Land leben
Alleinleben ist in den Großstädten bei jungen Erwachsenen die häufigste Lebensform: Fast jeder zweite Mann zwischen 25 und 34 Jahren lebt dort ohne eigene Familie, in den städtischen und ländlichen Kreisen ist es gut jeder dritte. Bei den Frauen im gleichen Alter sind die Anteile niedriger, der Stadt-Land-Unterschied ist aber ebenfalls deutlich.
Außerhalb der Großstädte wohnen junge Menschen häufiger bei den Eltern oder haben bereits eine Familie gegründet. So leben zwei Drittel der 20- bis 24-jährigen Männer außerhalb der Großstädte noch im Elternhaus, in den Großstädten ist es knapp die Hälfte. Frauen wohnen in diesem Alter schon seltener bei den Eltern.
Im höheren Alter ist das Alleinleben ebenfalls weit verbreitet, besonders bei Frauen. Von den 75- bis 84-Jährigen sind in den Großstädten 57 Prozent der Frauen alleinstehend, in den städtischen und ländlichen Kreisen rund 50 Prozent.
Wirtschaftsstruktur und Berufsqualifizierung hängen zusammen
Dienstleistungen sind in allen Kreistypen der größte Wirtschaftsbereich, in den Großstädten ist ihr Anteil jedoch besonders hoch. Hier arbeiten 73 Prozent der erwerbstätigen Männer und 91 Prozent der erwerbstätigen Frauen im Dienstleistungssektor. Außerhalb der Großstädte haben dagegen Industrie und Baugewerbe ein höheres Gewicht. „Mit der Wirtschaftsstruktur vor Ort unterscheidet sich auch, welche Arbeitsplätze Frauen und Männer finden“, erklärt Mitautor Harun Sulak, wissenschaftlicher Mitarbeiter am BiB.
Die unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen spiegeln sich in der Qualifizierungsstruktur wider. Bei jungen Erwachsenen zwischen 25 und 34 Jahren ist außerhalb der Großstädte eine berufliche Ausbildung der häufigste höchste Berufsabschluss. In ländlichen Kreisen verfügen 58 Prozent über eine berufliche Ausbildung, in den Großstädten sind es 32 Prozent. Umgekehrt ist ein Hochschulabschluss in den Großstädten deutlich stärker verbreitet, insbesondere bei Frauen: Jede zweite junge Frau hat dort einen Hochschulabschluss, in den ländlichen Kreisen ist es gut jede vierte.
Einkommenslücke zwischen Frauen und Männern größer als zwischen Stadt und Land
Beim Einkommen fallen die Unterschiede zwischen den Kreistypen vergleichsweise gering aus: 51 Prozent der Bevölkerung in den Großstädten und ebenso viele in den städtischen Kreisen verfügen über ein Einkommen oberhalb des bundesweiten Medianeinkommens von 1.889 Euro netto im Monat. In den ländlichen Kreisen liegt der Anteil bei 48 Prozent. Deutlich größer ist die Differenz zwischen Frauen und Männern. Bundesweit liegen 62 Prozent der Männer, aber nur 38 Prozent der Frauen über dem Medianeinkommen. „Beim Einkommen zeigt sich eine größere Kluft zwischen den Geschlechtern als zwischen den Wohnorten“, resümiert Prof. Dr. C. Katharina Spieß, Direktorin des BiB und Mitautorin der Studie. „Die Einkommenslücke zwischen Frauen und Männern besteht in Stadt und Land. Sie ist außerhalb der Großstädte aber besonders groß.“
Stadt und Land: unterschiedlich gefordert
Je nach Region sehen die zukünftigen Herausforderungen unterschiedlich aus: Außerhalb der Großstädte trifft der Ruhestandseintritt der Babyboomer das Fachkräfteangebot stärker. Die Großstädte sind davon weniger betroffen. Dafür treten dort Aufgaben, vor denen Stadt und Land gleichermaßen stehen, etwas stärker auf, etwa bei der Integration von Zugewanderten und beim Alleinleben im Alter. Gleichzeitig gibt es überraschende Gemeinsamkeiten: Der Anteil der Minderjährigen ist in Stadt und Land ähnlich hoch, obwohl Familien in den Großstädten im Schnitt weniger Kinder haben. Hierzu trägt bei, dass in den Großstädten die Altersgruppen, in denen Menschen Kinder bekommen, besonders stark besetzt sind. Und beim Einkommen liegen Stadt und Land nahezu gleichauf. „Von einem ‚abgehängten Land‘ kann also in diesem Punkt keine Rede sein“, sagt Spieß. Unterschiede zeigen sich eher in den Lebens- und Erwerbsmustern: Außerhalb der Großstädte heiraten Frauen früher, leben häufiger mit Kindern und arbeiten häufiger in Teilzeit. Die BiB-Direktorin betont: „Gerade dort, wo die Babyboomer bald besonders fehlen werden, liegt bei den Frauen ein Arbeitspotenzial, das die Studie sichtbar macht.“
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Sebastian Klüsener Sebastian.Kluesener@bib.bund.de
Harun Sulak Harun.Sulak@bib.bund.de
Originalpublikation:
Sulak, Harun; Dörflinger, Markus; Sander, Nikola; Klüsener, Sebastian; Spieß, C. Katharina: Demografischen Wandel in Stadt und Land neu entdecken. Wiesbaden, 2026. www.bib.bund.de/pyramiden-stadt-land
Weitere Informationen:
https://Animierte Bevölkerungspyramiden unter bib.bund.de/stadt-land
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