Permafrost und Grundbücher: Geschichte vom Boden her neu denken
IRS-Forschungsmagazin zeigt, wie Böden Machtverhältnisse, Urbanisierung und
Eigentumsgeschichte prägen
Wir alle hängen vom Boden ab – für unsere Ernährung, beim Bauen oder für stabile Ökosysteme. Auch die Geschichte von Gesellschaften wird vom Boden geprägt und davon, wie Menschen ihn nutzen. Die historische Forschung hat Boden bislang kaum als analytische Brille genutzt. Die neue Ausgabe des Forschungsmagazins IRS Aktuell des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) stellt ihn in den Mittelpunkt und zeigt, was wir lernen können, wenn wir Geschichte vom Boden her denken – etwa über gesellschaftliche Machtverhältnisse oder das Wachstum von Städten.
Die Ausgabe zum Titelthema „Grund und Boden“ versammelt Beiträge von Historikerinnen des Forschungsschwerpunkts „Zeitgeschichte und Archiv“ des IRS. Sie verstehen „Boden“ als neues analytisches Konzept für geschichtswissenschaftliche Forschung und als Gegenstand historischer Studien. Von Sibirien über Rumänien, (Ost-)Deutschland und Großbritannien bis nach Argentinien zeigen ihre Beiträge, wie die Beschaffenheit von Böden und der Umgang mit ihnen historische Entwicklungen prägen.
In ihrem Beitrag „Bodenfragen“ zeigen Kerstin Brückweh, Anastasia Betsa und Monika Motylińska, wie vielschichtig der Begriff des Bodens ist und welche verbindende Kraft er mitbringt: Materielle Eigenschaften, Nutzungsformen oder die Boden-Rhetorik politischer Akteure – zu all diesen Facetten wird in Teilgebieten der Geschichtswissenschaft geforscht. Sie lassen sich verbinden, wenn der Boden ins Zentrum der Forschung gestellt wird.
Was hat die Fruchtbarkeit des Lössbodens der argentinischen Pampa mit dem schnellen Wachstum von Buenos Aires im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu tun? Anastasia Betsa geht dieser Frage in ihrem Beitrag „Von Schwarzerde zu Wolkenkratzern“ nach.
Was kostet der Permafrost? Ksenia Litvinenko und Anastasiya Halauniova untersuchen die Nordexpansion Russlands seit Ende des 19. Jahrhunderts. In ihrem Beitrag beschreiben sie, wie Permafrostwissenschaft zum kolonialistischen Staatsprojekt wurde.
Warum Städte in Rumänien seit der Revolution von 1991 so chaotisch wuchsen, fragt Clementina Irimină in ihrem Beitrag „Stadtränder vom Grund her neu gedacht“. Die Antwort findet sie in der rumänischen Bodenpolitik – und in der Macht der alten Elite.
Im Beitrag „Grundstück mit Villa zu verkaufen“ zeichnen Eva Gajek und Stefanie Brünenberg nach, wie die Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft nach 1990 den ostdeutschen Immobilienmarkt neu aufbaute und dabei Boden als verlässliches Wertsignal nutzte.
Den Zusammenhang zwischen Immobilieneigentum und Grundeigentum ergründet Kerstin Brückweh in ihrem Artikel „Haus ohne Grund“. Sie zeigt, welche enorme politische Bedeutung Grundbücher haben und welche Sprengkraft in der Frage steckt, wem der Boden gehört.
In „Wem gehört die Niederlausitz?“ erzählt Rita Gudermann anhand von Archivfotografien und eigenen Drohnenaufnahmen des IRS die Geschichte des Kohletagebaus und seiner Folgen in der Lausitz - als Abfolge wechselnder Boden-Aneignungen.
Das Forschungsmagazin IRS Aktuell erscheint zweimal im Jahr. Es berichtet verständlich über die Forschung des Instituts. Das Magazin kann als Print- oder Onlineausgabe kostenfrei abonniert werden unter kontakt@leibniz-irs.de. Die Online-Ausgabe „Grund und Boden“ ist abrufbar unter www.leibniz-irs.de/grund-boden.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Kerstin Brückweh
kerstin.brueckweh@utoronto.ca
Dr. Monika Motylińska
monika.motylinska@leibniz-irs.de
Originalpublikation:
IRS Aktuell No. 105 / Oktober 2026
Grund und Boden
Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung
Weitere Informationen:
https://www.leibniz-irs.de/grund-boden
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