Wenn die Kamera das Unsichtbare aufzeichnet: Studierende der Hochschule Hannover entwickeln VR-Horrorserie
Die sechsteilige Mixed-Media-Serie „VR Possessed“ verbindet 360-Grad-VR-Film mit Mockumentary, Social-Media-Clips und dokumentarischen Formaten. Im Cinemagic Lab untersuchen Mediendesign-Studierende, wie sich Geschichten über unterschiedliche Medien hinweg erzählen lassen und welchen Mehrwert der Wechsel zwischen immersiven und klassischen Formaten bietet. Eine Präsentation findet am Samstag, den 24. Oktober 2026, um 16:00 im XR Forum der Hofer Filmtage statt.
Hannover, Oktober 2026. Was passiert, wenn eine selbst entwickelte 360-Grad-Kamera Dinge aufzeichnet, die eigentlich nicht existieren dürften? Mit dieser Frage beginnt „VR Possessed“, eine sechsteilige Horrorserie, die im Studiengang Mediendesign der Hochschule Hannover entstanden ist. Das Besondere: Die Geschichte entfaltet sich nicht allein im Film, sondern über verschiedene Medienformate hinweg. 360-Grad-VR-Episoden wechseln sich mit einer Mockumentary, Social-Media-Clips und weiteren dokumentarisch anmutenden Inhalten ab.
Hinter dem Projekt steht mehr als eine ungewöhnliche Horrorgeschichte. „VR Possessed“ ist ein filmischer Prototyp, mit dem Studierende und Lehrende erproben, wie sich unterschiedliche Medienformate zu einer zusammenhängenden Erzählung verbinden lassen. Dabei geht es auch um grundlegende Fragen der Mediengestaltung: Wie verändert sich das Erzählen, wenn das Publikum selbst entscheidet, wohin es blickt? Funktioniert eine Geschichte, wenn die Zuschauer*innen zwischen VR-Brille und Monitor wechseln? Und entsteht durch diesen Medienwechsel ein erzählerischer Mehrwert?
Eine Kamera, die mehr sieht als gedacht
Im Mittelpunkt der Serie stehen die Informatikstudierenden Sarah und Lukas, die gemeinsam eine eigene 360-Grad-VR-Kamera entwickeln: die „BL 360“. Um ihr Modell weiterzuentwickeln, benötigen sie finanzielle Unterstützung. Deshalb bitten sie ihren Freund Pascal, einen Hobbyfilmer, ein Video für eine Crowdfunding-Kampagne zu produzieren.
Doch dann verschwindet Lukas spurlos. Pascal vermutet bald, dass die selbst entwickelte Kamera etwas mit seinem Verschwinden zu tun haben könnte. Bei seinen Nachforschungen kommt er zu einem unheimlichen Schluss: Die Kamera scheint paranormale Aktivitäten aufzeichnen zu können. Sarah hält diese Vermutung zunächst für Unsinn – auch wenn sie die merkwürdigen Fehlfunktionen der Kamera nicht erklären kann. Die Geschichte nutzt das Horrorgenre, um zugleich mit den Möglichkeiten und Grenzen verschiedener filmischer Erzählweisen zu experimentieren.
Zwischen Mockumentary und immersivem Found Footage
Die klassische Erzählstruktur eines Films wird in „VR Possessed“ bewusst aufgebrochen. Die Mockumentary-Episoden greifen unterschiedliche mediale Formen auf: ein Crowdfunding-Video, Instagram-Reels und dokumentarisch anmutende Aufnahmen. Die drei 360-Grad-Episoden setzen dagegen auf eine rohe, ungeschnittene Found-Footage-Ästhetik. Das Material wirkt, als stamme es unmittelbar aus der selbst entwickelten Kamera.
Durch den Wechsel der Formate verändert sich auch die Perspektive auf das Geschehen. Während die Mockumentary die Ereignisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln rekonstruiert, versetzen die VR-Episoden das Publikum unmittelbar in die erzählte Situation. Im 360-Grad-Raum gibt es keinen fest vorgegebenen Bildausschnitt: Die Zuschauer*innen können sich in alle Richtungen umsehen. Die Inszenierung muss deshalb nicht nur zeigen, was geschieht, sondern auch damit umgehen, wo sich die Aufmerksamkeit des Publikums gerade befindet.
Ob und wie diese unterschiedlichen Erzählformen zusammenwirken, ist eine zentrale Frage bei der Auswertung des Prototyps.
Ein Serienprojekt als neue Form der Zusammenarbeit in der Lehre
Für den Studiengang Mediendesign bedeutete „VR Possessed“ auch eine Weiterentwicklung der projektorientierten Lehre. Das Serienformat ermöglichte es, Studierende aus dem vierten und sechsten Semester in verschiedenen Teams und Gewerken zusammenarbeiten zu lassen. Mehrere Regie- und Gestaltungsteams übernahmen Verantwortung für einzelne Episoden oder mediale Bestandteile der Serie.
Die drei 360-Grad-Episoden wurden jeweils von eigenen Regie- und Kamerateams umgesetzt. Auch die Gestaltung der Instagram-Reels, der Crowdfunding-Bilder sowie der dokumentarischen Aufnahmen und Originaltöne lag in den Händen unterschiedlicher Teams. Die Postproduktion wurde ebenfalls gemeinschaftlich in Gruppen bearbeitet.
Damit die einzelnen Bestandteile trotz der verschiedenen Beteiligten ein stimmiges Gesamtbild ergeben, war eine enge Abstimmung zwischen den Studierenden und den beteiligten Lehrenden erforderlich. Die Projektleitung lag bei Regiedozent Prof. Nils Loof. Kameradozent Olaf Markmann und Postproduktionsdozentin Anke Wiesenthal begleiteten die filmische Umsetzung und die gestalterische Zusammenführung der unterschiedlichen Formate. Das Projekt verbindet damit die Auseinandersetzung mit neuen Technologien und Erzählformen mit einer praktischen Erfahrung komplexer, arbeitsteiliger Medienproduktion.
Cinemagic Lab: Forschung und Gestaltung verbinden
Entstanden ist „VR Possessed“ im Cinemagic Lab der Hochschule Hannover, der kreativen Werkstatt des Studiengangs Mediendesign. Hier erproben Studierende und Lehrende neue Technologien, visuelle Ausdrucksformen und innovative Erzählweisen. Im Mittelpunkt stehen filmische Prototypen, die gestalterische Ideen praktisch erfahrbar machen und neue Möglichkeiten der Medienproduktion ausloten.
Das Lab verbindet Forschung und Gestaltung und arbeitet dafür auch mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Die Projekte reichen von konkreten Anwendungsfeldern bis zu experimentellen und visionären Ansätzen. Ziel ist es, neue visuelle Erfahrungen zu entwickeln und Geschichten bewusst, verantwortungsvoll und mit Blick auf ihre Wirkung zu gestalten. „VR Possessed“ steht beispielhaft für diesen Ansatz: Nicht die technische Innovation allein ist entscheidend, sondern die Frage, wie sich mit ihr neue erzählerische Erfahrungen schaffen lassen.
Präsentationen und weitere Auswertung
Als Prototyp versteht sich „VR Possessed“ nicht in erster Linie als abgeschlossenes Wettbewerbswerk, sondern als Versuchsanordnung, mit der verschiedene Aspekte der Mediengestaltung und des Medienkonsums untersucht werden. Deshalb steht nicht die klassische Festivalverwertung im Wettbewerb im Vordergrund, sondern die Präsentation und Diskussion des Projekts in unterschiedlichen Kontexten. Die zweite Folge wurde vom 22. bis 28. Juni 2026 im Rahmen der IdeenExpo auf dem Messegelände Hannover präsentiert. Eine weitere Präsentation findet am Samstag, den 24. Oktober 2026, um 16:00 im XR Forum der Hofer Filmtage statt. Eine Veröffentlichung der Serie auf YouTube ist für Ende 2026 angestrebt.
Die Auswertung des Projekts steht noch am Anfang. „VR Possessed“ bietet damit nicht nur einen Einblick in eine ungewöhnliche Horrorserie, sondern auch in die Frage, wie sich zukünftige Formen des filmischen Erzählens gestalten und vermitteln lassen.
Projektleitung
Prof. Nils Loof
Filmgestaltung in Theorie und Praxis / Filmdesign
Studiengang Mediendesign – Film
Hochschule Hannover
Expo Plaza 2, 30539 Hannover
Telefon: +49 511 9296-8282
E-Mail: nils.loof@hs-hannover.de
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Nils Loof
Weitere Informationen:
https://www.filmstudieren.de
https://www.mediendesignstudieren.de
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