Anatomie neu gedacht: Joachim Kirsch geht nach 24 Jahren Forschung und Lehre in den Ruhestand
Professor Dr. Joachim Kirsch, Leiter der Abteilung Medizinische Zellbiologie am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg, ist nach 24 Jahren in den Ruhestand gegangen. Er hat die integrierte vorklinische Ausbildung im Heidelberger Medizincurriculum HeiCuMed maßgeblich mitgestaltet und die anatomische Lehre modernisiert. In seiner Forschung hat er zudem grundlegende Mechanismen hemmender Synapsen untersucht.
Fast ein Vierteljahrhundert lang lehrte und forschte Professor Dr. Joachim Kirsch an der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg Anatomie, eines der zentralen Grundlagenfächer des Medizinstudiums. Er trug wesentlich dazu bei, die drei vorklinischen Fächer Anatomie, Physiologie und Biochemie in gemeinsamer Lehre und integrierten Prüfungen zusammenzuführen – seit mehr als 20 Jahren ein Markenzeichen des Heidelberger Medizincurriculums HeiCuMed. Insgesamt vermittelte Kirsch rund 10.000 angehenden Ärztinnen und Ärzten aus zwei Dutzend Studierendengenerationen die makro- und mikroskopische Anatomie. Seinen Unterricht entwickelte er kontinuierlich weiter und ergänzte die Ausbildung am menschlichen Körper um moderne Methoden wie das virtuelle Präparieren. Für sein Engagement und seine ruhige, klare Art zeichneten ihn die Studierenden zuletzt mit dem Lehrpreis PaLMe 2026 aus. Zum 30. September 2026 ist er in den Ruhestand gegangen.
„Wer die Medizinerinnen und Mediziner von morgen ausbildet, muss verlässliche Grundlagen vermitteln und zugleich offen für neue Wege in der Lehre sein. Professor Kirsch hat beides verbunden: Er hat die anatomische Lehre an unserer Fakultät kontinuierlich weiterentwickelt, digitale Methoden eingeführt und maßgeblich am fächerübergreifenden Lehrkonzept von HeiCuMed mitgewirkt. Dass die Heidelberger Medizinstudierenden im Physikum regelmäßig bundesweit zu den Besten zählen, zeigt die Stärke dieses Konzepts“, sagt Professor Dr. Michael Boutros, Dekan der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg. „Als Prodekan für Forschung hat er darüber hinaus Verantwortung für die Weiterentwicklung unserer Fakultät übernommen. Für seinen langjährigen Einsatz in Lehre, Forschung und akademischer Selbstverwaltung danke ich ihm sehr.“
HeiCuMed: Joachim Kirsch prägte die vorklinische Lehre in Heidelberg
Kirschs Wechsel nach Heidelberg im Jahr 2002 fiel in die Entwicklungsphase des neuen vorklinischen Curriculums HeiCuMed, das ein Jahr später startete. Gemeinsam mit den damaligen Lehrstuhlinhabern für Physiologie und Biochemie entwickelte er einen fächerübergreifenden Unterricht, der sich an Organen und funktionellen Systemen orientierte. So betrachten die Studierenden beispielsweise die Niere aus anatomischer, physiologischer und biochemischer Perspektive und stellen dabei bereits klinische Bezüge her. „Schubladendenken passt überhaupt nicht“, sagt Kirsch über den fachübergreifenden Ansatz.
Virtuelle Anatomie verbindet CT-Bildgebung und Präparierkurs
Unterschiedliche Perspektiven miteinander zu verbinden, war auch Kirschs Leitgedanke bei der Weiterentwicklung der anatomischen Lehre. Gemeinsam mit seinem Team führte er 2007 die „Virtuelle Anatomie“ als damals bundesweit neuartiges Lehrangebot ein. Heute ist sie fester Bestandteil der Ausbildung: Ganzkörper-CT-Aufnahmen ermöglichen es den Studierenden, individuelle anatomische Befunde und Besonderheiten bereits vor und während der Präparation zu untersuchen. Digitale Seziertische in den beiden Präpariersälen ergänzen die Arbeit am Körperspender um virtuelle Sektionen.
Körperspende und historische Präparate: Verantwortung in der Anatomie
Trotz aller digitalen Möglichkeiten blieb für Kirsch der echte Körper unersetzlich. „Jeder Mensch ist anders“, sagt er. Körpergröße, Narben, Alterserscheinungen oder der individuelle Verlauf von Gefäßen lassen sich nur am realen Körper erkennen. Ebenso wichtig war ihm, den Studierenden bewusst zu machen, wem sie dieses Wissen verdanken: „Das ist ein Mensch wie wir, der gelebt, geliebt und getrauert hat.“ Der respektvolle Umgang mit den Körperspenderinnen und Körperspendern gehört deshalb ebenso zur Ausbildung wie die gemeinsame Gedenkfeier nach Abschluss des Präparierkurses.
Auch bei den historischen Präparaten des Instituts fragte Kirsch nach den Menschen dahinter und regte an, die Geschichte des Instituts und seiner Sammlung aufzuarbeiten. Federführend übernahm Dr. Sara Doll, heute Sammlungsbeauftragte der Anatomischen Sammlung, diese Aufgabe. Dazu gehören Arbeiten zum 1803 hingerichteten Räuber Johannes Bückler, bekannt als „Schinderhannes“, ebenso wie das interdisziplinäre Projekt „Erinnerte Opfer“ zu Menschen, deren Körper während der NS-Zeit in die Heidelberger Anatomie gelangten.
Forschung zu hemmenden Synapsen und Nervenzellen
Als Forscher blieb er nicht an der sichtbaren Anatomie stehen, sondern richtete den Blick immer tiefer – bis in die einzelne Nervenzelle hinein. Ihn interessierte, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren, wie ihre Signale gezielt gebremst werden und welche molekularen Strukturen dafür sorgen, dass diese Regulation zuverlässig funktioniert. Eine zentrale Frage formuliert Kirsch so: „Wie weiß eine Nervenzelle, wo sie welche Rezeptoren hinschicken muss?“ In Heidelberg untersuchte er mit seiner Arbeitsgruppe insbesondere hemmende Synapsen: jene Kontaktstellen zwischen Nervenzellen, an denen Signale gedämpft werden. Kirsch erforschte, wie diese Strukturen organisiert und stabilisiert werden und wie sie sich an veränderte Bedingungen anpassen. Seine Arbeiten waren in mehrere DFG-geförderte Forschungsverbünde, darunter Sonderforschungsbereiche, eingebunden.
Im Ruhestand soll künftig mehr Zeit für Dinge bleiben, die im Berufsalltag oft zu kurz kamen, etwa für die Steinbildhauerei.
Zur Person
Professor Dr. Joachim Kirsch studierte Humanmedizin an der Universität Bonn und wurde dort 1987 promoviert. Nach Forschungsstationen am Weizmann-Institut in Rehovot, Israel, am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg sowie am Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt, war er an der Universität Frankfurt tätig, wo er sich 1995 für Anatomie habilitierte. 1998 übernahm er den Lehrstuhl für Anatomie an der Universität Ulm, 2002 folgte er dem Ruf nach Heidelberg. Dort leitete er die Abteilung Medizinische Zellbiologie am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Medizinischen Fakultät Heidelberg. Von 2010 bis 2014 war Kirsch Prodekan für Forschung der Medizinischen Fakultät Heidelberg, von 2015 bis 2021 Ombudsperson der Universität Heidelberg für den Bereich Medizin.
Ähnliche Pressemitteilungen im idw