Museumsbesuche überwiegend nicht als langweilig empfunden
Über- und Unterforderung sowie ein geringer wahrgenommener Wert lassen die Langeweile steigen – mit negativen Folgen für Wissenserwerb und Museumsbewertung
Museen gelten als Orte der Inspiration und des kulturellen Erlebens – an Langeweile denkt man dabei zunächst nicht. Ein internationales Team von Wissenschafter*innen unter der Leitung von Thomas Götz von der Universität Wien hat nun aber erstmals systematisch untersucht, wie häufig Langeweile bei Museumsbesuchen tatsächlich auftritt, und fand bemerkenswerte Ergebnisse: Besucher*innen langweilen sich zwar im Schnitt nur wenig, diese Langeweile wirkt sich aber klar negativ auf den Wissenserwerb und die Bewertung des Museumsbesuchs aus. Die Forschungsergebnisse sind kürzlich in der Fachzeitschrift Scientific Reports erschienen.
Obwohl Langeweile in Lern- und Leistungskontexten wie Schule oder Universität bereits intensiv erforscht ist, blieb das Lernen außerhalb von Schule und Hochschule – etwa bei Museumsbesuchen – bislang weitgehend unbeachtet. Psycholog*innen unter Leitung der Universität Wien und mit der University of Essex, der Australian Catholic University und der Ludwig-Maximilians-Universität München untersuchten in drei Studien mit insgesamt 1.269 Teilnehmer*innen im Alter von 18 bis 91 Jahren, wie häufig Museumslangeweile auftritt, wodurch sie entsteht und welche Folgen sie hat. Befragt wurden Besucher*innen des Sigmund Freud Museums und des Kunsthistorischen Museums Wien.
Via Fragebogen direkt nach Museumsbesuch
Insgesamt 1.229 Besucher*innen wurden an beiden Museen direkt nach dem Museumsbesuch gebeten, einen Fragebogen zum unmittelbar zurückliegenden Erleben im Museum zu bearbeiten. Der Fragebogen enthielt auch einen auf das jeweilige Museum zugeschnittenen Wissenstest sowie eine Frage zur Einschätzung der Qualität des Museums. Zudem wurden am Sigmund Freud Museum mit 72 Besucher*innen qualitative Interviews zum Erleben von Langeweile im Museum und zu ihren Ursachen durchgeführt – diese wurden auch direkt nach dem Museumsbesuch erhoben.
Niedriger Mittelwert von 1,74 für Langeweile
Die gute Nachricht für Museen: Insgesamt war Langeweile relativ schwach ausgeprägt mit einem Mittelwert über beide Museen hinweg von 1,74 auf einer Skala von 1 (gar nicht) bis 5 (sehr) – der Unterschied zwischen beiden Museen war nicht signifikant. Insgesamt wurden zehn positive und negative Emotionen (z.B. Freude, Überraschung, Frustration, Ärger) abgefragt. In diesem Vergleich zeigte sich, dass Langeweile eine der intensivsten negativen Emotionen, jedoch deutlich schwächer als alle positiven Emotionen im Museum war. Trotz des relativ geringen Mittelwerts bei der Langeweile gab es eine Reihe von Personen, die sehr hohe Langeweile angaben, bis hin zum Maximalwert.
Die Studie stützt sich auf die Kontroll-Wert-Theorie der Emotionen, wonach Langeweile vor allem dann entsteht, wenn sich Menschen über- oder unterfordert fühlen oder eine Tätigkeit als wenig wertvoll erleben. Genau das bestätigte sich auch beim Museumsbesuch.
Raum- und Informationsgestaltung als Schlüssel
Die Studie zeigte, dass Über- und Unterforderung sowohl räumliche als auch inhaltliche Gründe haben kann. Zu viel Text oder eine zu hohe Informationsfülle sowie enge und heiße Räume führten zu Überforderung. Zu wenig Information und kahle Räume führten zu Unterforderung. Unterforderung war in den Museen stärker ausgeprägt als Überforderung.
Im Einklang mit den Annahmen fühlten sich Personen mit hoher Über- oder Unterforderung signifikant stärker gelangweilt als jene mit niedrigen Ausprägungen an Über- und Unterforderung. Die Einschätzung der Relevanz des Museums hing von zahlreichen Faktoren ab, wie beispielsweise Bezügen zu aktuellen beruflichen Tätigkeiten oder Interessen. Ebenfalls im Einklang mit den Annahmen ging eine als hoch wahrgenommene Relevanz des Museums mit geringer Langeweile einher.
Mehr Langeweile führt zu weniger Wissen
Die Studie zeigt deutlich, dass Langeweile den Museumsbesuch negativ prägt: Langweilten sich die Besucher*innen, lernten sie weniger, was sich in schlechteren Werten im Wissenstest widerspiegelte. Zudem bewerteten sie die Museumsqualität deutlich schlechter.
Individuell zugeschnittene Informationen als Gegenmaßnahme
Was die richtige Menge an Information ist, so dass Unter- und Überforderung vermieden werden kann, wird individuell unterschiedlich erlebt. Dasselbe gilt für die Relevanz der Inhalte. "Um Langeweile im Museum zu verringern, könnten Museen stärker auf die Vielfalt ihrer Besucher*innen eingehen. Das könnte gelingen, in dem man individuell zugeschnittene Informationstiefe und Inhalte anbietet. Beispielsweise über Barcodes oder Augmented-Reality-Anwendungen oder durch Rundgänge unterschiedlicher Schwierigkeit und Inhalte, beispielsweise von einer kurzen Pocket Tour bis zu einem vertiefenden Deep Dive", erklärt der Bildungspsychologe und Studienleiter Thomas Götz von der Universität Wien.
"Unsere Ergebnisse zeigen, dass es für Museen wichtig ist, die Langeweile ihrer Besucher*innen zu reduzieren. Das sollte aber selbstverständlich immer vor dem Hintergrund der übergeordneten Ziele von Museen gesehen werden, die zum Beispiel selbstverständlich keine reinen Unterhaltungsstätten werden sollten."
Neues Forschungsfeld eröffnet
Mit der erstmaligen systematischen Untersuchung von Museumslangeweile eröffnen die Wissenschafter*innen ein neues Forschungsfeld. "Museen sind zentrale Orte informellen Lernens außerhalb von Schule und Hochschule. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Langeweile auch hier eine bislang unterschätzte Rolle spielt – und reihen sich damit in eine wachsende Zahl an Befunden ein, die belegen, dass Langeweile in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen lern- und leistungsschädlich ist", so Götz.
Zusammenfassung:
• Psycholog*innen unter Leitung der Uni Wien haben erstmals Langeweile im Museum systematisch untersucht.
• 1.229 Personen wurden direkt nach dem Museumsbesuch via Fragebogen befragt. Mit 72 Besucher*innen wurden außerdem qualitative Interviews geführt.
• Insgesamt zeigte sich, dass relativ wenig Langweile in den Museen aufkam: Auf einer Skala von 1 (gar nicht) bis 5 (sehr) ergab sich ein Mittelwert von 1,74.
• Einzelne Personen langweilten sich jedoch stark, Auslöser sind häufiger Unterforderung, manchmal Überforderung. Zu viel Text und heiße, enge Räume führten zu Überforderung. Zu wenig Information und kahle Räume führten zu Unterforderung.
• Wer sich langweilte, lernte auch weniger beim Museumsbesuch. Die Psycholog*innen empfehlen das Angebot einer individuell auswählbaren Informationstiefe als mögliche Gegenmaßnahme.
Über die Universität Wien:
Die Universität Wien setzt seit über 650 Jahren Maßstäbe in Bildung, Forschung und Innovation. Heute ist sie unter den Top 100 und damit den Top 4 Prozent aller Universitäten weltweit gerankt sowie in aller Welt vernetzt. Mit 188 Studien und rund 11.000 Mitarbeitenden ist sie einer der größten Wissenschaftsstandorte Europas. Hier treffen Menschen aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen, um Spitzenforschung zu betreiben und Lösungen für aktuelle und künftige Herausforderungen zu finden. Ihre Studierenden und Absolvent*innen gehen mit Innovationsgeist und Neugierde komplexe Herausforderungen mit reflektierten und nachhaltigen Lösungen an.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Univ.-Prof. Dr. Thomas Götz
Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung
Universität Wien
1010 Wien, Universitätsstraße 7
+43-1-4277-47401
+43-670-4045085
thomas.goetz@univie.ac.at
Originalpublikation:
Boredom in the Museum: Levels, Antecedents, and Consequences. T. Goetz, L. Kraiger, J. Fries, T. Yanagida, L. Grandjean, M. Pessler, & R. Pekrun. Scientific Reports, 2026.
DOI: 10.1038/s41598-026-74062-w
Weitere Informationen:
https://www.univie.ac.at/aktuelles/detail/museumsbesuche-ueberwiegend-nicht-als-langweilig-empfunden
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