Starke Institutionen, hartnäckige Minderheit: Studie beleuchtet Verschwörungsglauben in Deutschland
Deutschland gilt als gefestigte Demokratie – und widerspricht im europäischen Vergleich doch der einfachen Formel ‚mehr Demokratie, weniger Verschwörungsglaube'. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des von der Universität Passau koordinierten Horizon-Europe-Verbunds TaCT-FoRSED.
Während der Corona-Pandemie verglichen Demonstrierende das Infektionsschutzgesetz mit dem „Ermächtigungsgesetz“ von 1933, Reichsbürger bestreiten bis heute die Existenz der Bundesrepublik, und die AfD ist seit 2025 zweitstärkste Kraft im Bundestag. Verschwörungserzählungen sind damit längst kein Randphänomen mehr. Sie untergraben das Vertrauen in Wahlen, Wissenschaft und Medien – also in genau jene Einrichtungen, auf die eine Demokratie angewiesen ist.
In der Fallstudie „Conspiracism in Comparison: The Case of Germany“ haben Forschende der Universität Passau im Rahmen des Horizon-Europe-Verbundprojekts TaCT-FoRSED untersucht, wie demokratische Strukturen und Verschwörungsdenken einander beeinflussen. Die Studie erscheint im Oktober zunächst als Pre-Print, also als Vorabfassung, und Anfang 2027 gedruckt in einem Sammelband im Nomos Verlag. Sie ist Teil einer Reihe von acht Länderstudien sowie einer Vergleichsstudie.
Insgesamt gebe es den Autorinnen und Autoren zufolge keine Hinweise darauf, dass Verschwörungsideologien heute verbreiteter sind als in vergangenen Zeiten. „Auch wenn es nicht zwingend mehr Menschen mit diesen Einstellungen gibt, scheinen Verschwörungsideologien in den vergangenen Jahren politisch und gesellschaftlich wirkmächtiger geworden zu sein“, sagt Dr. Christoph, Politikwissenschaftler an der Universität Passau und Hauptautor der Studie. Das liege insbesondere am Einfluss von organisierten Gruppen sowie verschwörungsideologischen Mediennetzwerken, die entsprechende Einstellungen aus der Bevölkerung aufgreifen, verstärken und damit Politik und Gesellschaft durchlässig für Verschwörungsglauben machen.
Die Länderstudie zu Deutschland ergebe ein widersprüchliches Bild: „Landesweite Zahlen, die Deutschland als Land mit moderatem Verschwörungsglauben ausweisen, verdecken Regionen und Milieus, in denen Verschwörungsglaube tief verankert ist. Das erschwert einfache Erklärungsmuster nach dem Motto ‚mehr Demokratie, weniger Verschwörungsdenken‘“, schreibt das Autorenteam.
Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick:
• Moderat im Vergleich: In der Europäischen Sozialerhebung (ESS) stimmten 12,8 Prozent der Deutschen zu, dass eine „kleine geheime Gruppe“ alle wichtigen Entscheidungen der Weltpolitik treffe. „Das ist der zweitniedrigste Wert in der EU nach Schweden“, sagt Dr. Christoph. Gleichzeitig wisse man aus Erhebungen aber auch, dass zwischen einem Viertel und einem Drittel der Deutschen tendenziell anfällig für solches Denken sind.
• Konzentriert statt verteilt: Die Studie belegt eine hohe Verankerung von Verschwörungsglauben in bestimmten Regionen und Milieus: Unter AfD-Anhängern zeigten 73,5 Prozent eine ausgeprägte Verschwörungsmentalität; Ostdeutschland sei überproportional betroffen.
• Kulturelle Vorlagen: Hohe Erwartungen an den „Vater Staat“ und eine lange Tradition der Skepsis gegenüber der sogenannten Schulmedizin – von der Romantik bis zur Zeit des Nationalsozialismus – seien in der Pandemie massenhaft aktiviert worden.
• Fehlendes Gefühl politischer Wirksamkeit: In Deutschland hätten Bürgerinnen und Bürger im Vergleich nur wenige Möglichkeiten, politische Entscheidungen direkt mitzubestimmen oder sich daran zu beteiligen. „Dadurch erleben viele Menschen wenig politische Wirksamkeit. Verschwörungsakteure versprechen ihnen ersatzweise eine Art Veto-Macht“, sagt Dr. Christoph. Ein Ausbau direktdemokratischer oder partizipativer Elemente oder ein Fokus auf die traditionell starke Vereinsarbeit könnte dem entgegenwirken.
Politisch folgenreich werde Verschwörungsglaube vor allem dann, wenn Parteien und Bewegungen ihn bündeln. Strategien, die allein auf Medienkompetenz und kritisches Denken Einzelner setzen, seien daher „wahrscheinlich unzureichend“. Als Gegengewichte nennt die Studie unabhängige Gerichte, einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ein dichtes Netz politischer Bildung und die Erinnerung an das Scheitern der Weimarer Republik.
Neben Deutschland untersuchte das Forschungsteam Bulgarien, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Spanien, Slowakei und Tschechien. Inhaltlich reichten die Hauptnarrative in den betrachteten Ländern von Migration bis Gesundheitspolitik.
Zur Vorgehensweise
Methodisch handelt es sich um eine Sekundäranalyse: Das Team erhob keine eigenen Umfragen, sondern führte vorhandene Daten zusammen – große Bevölkerungsbefragungen, internationale Demokratie-Indizes und Fachliteratur. Ein gemeinsames Analyseraster macht die acht Länder vergleichbar. Es unterscheidet drei Ebenen – Staat und Institutionen, Parteien, Bewegungen und Medien sowie die Einstellungen Einzelner – und drei demokratische Ressourcen: demokratische Identität, Widerstandskraft (Resilienz) und das Gefühl, politisch etwas bewirken zu können (Wirksamkeit). Die Studie ist explorativ angelegt: Sie beschreibt Zusammenhänge, beweist aber keine Ursachen.
Über das Forschungsteam
Dr. Stefan Christoph ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Politische Theorie der Universität Passau. Er forscht zu Verschwörungsdenken, Demokratietheorie und Politischer Bildung. Im Rahmen des europäischen Verbundprojekts „Tackling Conspiracy Theories by Fostering Resilience and Political Self-Efficacy in Democracies (TaCT-FoRSED)“ leitet er ein Arbeitspaket, das mit qualitativen Studien Verschwörungsideologien und wirksame Gegenmaßnahmen untersucht. Unterstützt wurde er bei der Erstellung der Fallstudien von Michelle C. Schweitzer (Universität Leipzig) und Sebastian Schwarzweller (Universität Passau). Beteiligt an der deutschen Fallstudie war zudem Prof. Dr. Oliver Hidalgo, Inhaber des Lehrstuhls für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Politische Theorie, der zusammen mit Dr. Hannes Birnkammerer von der Universität Passau Koordinator des Forschungsverbunds ist.
Die Europäische Union fördert den Verbund im Rahmen des Programms Horizont Europa (Fördervereinbarung 101178926 im Call „Past, present and future of democracies; HORIZON-CL2-2024-DEMOCRACY-01“). An der Universität Passau ist der Verbund Teil des Forschungsprofilfelds „Resiliente Demokratien“. Darin untersuchen Forschende aus verschiedenen Disziplinen die Bedrohungen für demokratische Systeme, um zu erkennen, wie sich deren Resilienz stärken lässt.
Förderhinweis
Von der Europäischen Union finanziert. Die geäußerten Ansichten und Meinungen entsprechen jedoch ausschließlich denen des Autors bzw. der Autoren und spiegeln nicht zwingend die der Europäischen Union oder der Europäischen Exekutivagentur für Forschung (REA) wider. Weder die Europäische Union noch die REA können dafür verantwortlich gemacht werden.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Stefan Christoph, wissenschaftlicher Mitarbeiter
Lehrstuhl für Politikwissenschaft (Schwerpunkt Politische Theorie)
Universität Passau
stefan.christoph@uni-passau.de
Originalpublikation:
https://zenodo.org/records/23574069
Weitere Informationen:
https://www.digital.uni-passau.de/beitraege/2026/verschwoerungsglaube-in-europa Verschwörungsglaube in Europa - die acht Länderstudien im Überblick
https://tact-forsed.eu/ Webseite des Horizon-Europe-Verbunds TaCT-FoRSED
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