Flexibilität in Tarifverträgen kann die Wettbewerbsfähigkeit verbessern
Flexibilität in Tarifverträgen kann die Beschäftigung sichern und die Wettbewerbsfähigkeit fördern. Doch dies gilt nur unter bestimmten Bedingungen. Das zeigen Erfahrungen aus Deutschland und Italien, zu denen die Rockwool Foundation Berlin (RFBerlin) jetzt einen Research Insight veröffentlicht hat. „Was für die jetzt laufenden Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektrobranche interessant sein kann: Die aus der Flexibilisierung resultierende Lohnzurückhaltung trug schon nach 1995 zur verbesserten Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands bei“, sagt Ko-Autor Christian Dustmann, Direktor von RFBerlin und Professor um University College London.
Die IG Metall hat diesmal unterschiedliche Lohnerhöhungen für die Unternehmen ins Spiel gebracht: größere Zuwächse bei jenen Firmen, denen es gut geht, und niedrigere für jene, die Schwierigkeiten haben. Ab Mitte der 90er Jahre gab es in Deutschland immer mehr Öffnungsklauseln. Sie ermöglichten es Unternehmen, im Einvernehmen mit den Arbeitnehmervertretern von branchenweiten Vereinbarungen über Löhne, Arbeitszeiten und andere Bedingungen abzuweichen, wenn die Umstände dies erforderten. „Dies trug schon vor den Hartz-Reformen von 2005 dazu bei, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschland stark zu erhöhen, da dies mit Maßnahmen zur Erhöhung der Produktivität verbunden war“, fügt Ko-Autor Bernd Fitzenberger hinzu, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt – und Berufsforschung (IAB). Im Jahr 1995 enthielten weniger als 5 Prozent der Tarifverträge im verarbeitenden Gewerbe Öffnungsklauseln; bis 2004 lag dieser Anteil bereits bei etwa 60 Prozent.
In Italien verlief die Entwicklung anders: Da das Tarifvertragssystem deutlich starrer war, umgingen Unternehmen zunehmend die bestehenden Strukturen durch Verbandsaustritte oder Tarifverträge mit kleinen Gewerkschaften. „Die Löhne sanken dadurch um 2–3 Prozent, zugleich stieg die Wahrscheinlichkeit, beschäftigt zu bleiben, um 3–4 Prozentpunkte“, sagt Koautor Lorenzo Incoronato, RFBerlin Research Fellow und Professor an der Universität Neapel Federico II. Dabei zeigten sich deutliche regionale Unterschiede: Im produktiveren Norden mit stärkerem Wettbewerb ging der Lohnrückgang mit höherer Beschäftigungsstabilität einher. Im Süden, wo Arbeitgeber über mehr Marktmacht verfügen, waren die Lohneinbußen größer – ohne Zugewinn an Beschäftigungsstabilität. „Die Herausforderung besteht daher nicht einfach darin, die Lohnfestlegung flexibler zu gestalten, sondern dies zu verbinden mit wirksamem Lohnschutz für Arbeitnehmer“, sagt Dustmann.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Christian Dustmann; cd@rfberlin.com; 0044/ 7818 048 380
Prof. Bernd Fitzenberger; bernd.fitzenberger@fau.de; 0911/ 179-3113
Prof. Lorenzo Incoronato; lorenzo.incoronato@unina.it
Originalpublikation:
RFBerlin Research Insights: “Collective Bargaining Between Protection and Flexibility: Lessons from Germany and Italy”; von Christian Dustmann, Bernd Fitzenberger und Lorenzo Incoronato; veröffentlicht hier: https://www.rfberlin.com/research-insight/
Weitere Informationen:
https://https://www.rfberlin.com/wp-content/uploads/2026/06/26187.pdf Bellmann, Lutz, Christian Dustmann, and Bernd Fitzenberger, “Collective Bargaining in Germany: Trends and Challenges,” RFBerlin Discussion Paper, 2026, No. 187/26; Auch: Dustmann, Christian, Chiara Giannetto, Lorenzo Incoronato, Chiara Lacava, Vincenzo Pezone, Raffaele Saggio, and Benjamin Schoefer, “Opting Out of Centralized Collective Bargaining: Evidence from Italy,” RFBerlin Discussion Paper, 2025, No. 43/25;
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