Landnutzungskonflikte in der Lausitz: Über welche regionalen Konflikte wird berichtet? Fachleute und Presse im Vergleich
Forschende des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) haben untersucht, wie Konflikte um die Nutzung von Flächen in Interviews mit Expertinnen und Experten und in der lokalen Presse dargestellt werden. Die Studie wurde im „Journal of Environmental Planning and Management“ veröffentlicht. Das Ergebnis: Expertinnen und Experten sowie lokale Zeitungen berichten teilweise über völlig unterschiedliche Konflikte – obwohl es um dieselbe Region geht.
Das Forschungsteam um Meike Fienitz, Annelie Gütte und Rosemarie Siebert hat die Region um Cottbus in Brandenburg genau unter die Lupe genommen. Es identifizierte 162 einzelne Konflikte rund um die Nutzung von Flächen. Diese betreffen zwölf verschiedene Themenbereiche – von Solarparks und Windkraftanlagen über Verkehrswege bis hin zu Spielplätzen und Parkplätzen.
Dafür kombinierten die Forschenden zwei Methoden: Sie führten 33 Interviews mit Expertinnen und Experten aus Verwaltung, Politik und Verbänden. Zusätzlich analysierten sie 91 Artikel aus der regionalen Tagespresse. Das überraschende Ergebnis: Nur fünf Konflikte tauchten in beiden Quellen auf. Die übrigen 157 wurden jeweils nur von einer der beiden Seiten erwähnt.
Dr. Meike Fienitz vom ZALF erklärt dazu: „Expertinnen und Experten konzentrieren sich auf große, regionale Herausforderungen wie den Strukturwandel nach dem Kohleausstieg. Die lokale Presse hingegen berichtet über das, was Menschen im Alltag betrifft – etwa eine fehlende Bushaltestelle oder einen Streit um einen Spielplatz. Die Ergebnisse zeigen, wie stark das Bild der Konflikte davon abhängt, welche Informationsquellen man heranzieht.“
Warum das für alle wichtig ist
Die Studie legt nahe, dass wichtige Themen in politischen Debatten mitunter aus dem Blick geraten können. Wenn sich Politik und Verwaltung vor allem auf die großen strategischen Fragen konzentrieren, können Konflikte mit unmittelbarem lokalem Bezug weniger Beachtung finden. Schlimmstenfalls kann das dazu beitragen, dass Menschen das Vertrauen in politische Entscheidungen verlieren.
Konkret bedeutet das: Während Expertinnen und Experten etwa über die Konkurrenz zwischen Solarparks und landwirtschaftlichen Flächen diskutieren, drehen sich lokale Debatten vielleicht um Radwege oder einen Supermarkt. Beides sind echte Konflikte – nur werden sie in unterschiedlichen Zusammenhängen diskutiert.
Insgesamt waren die häufigsten Konfliktgründe nach den Ergebnissen der Forschenden die Beeinträchtigung der Lebensqualität (44 Fälle), negative Auswirkungen auf Natur und Klima (40 Fälle) sowie die Konkurrenz um verfügbare Flächen (34 Fälle). Auch die Verteilung von Kosten und Nutzen spielte bei 30 Konflikten eine Rolle.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Für die Praxis heißt das, dass Planungsbehörden unterschiedliche Perspektiven und Quellen einbeziehen sollten, um ein möglichst breites Bild der Konfliktlandschaft zu erhalten.
Für die weitere Forschung empfehlen die Forschenden, künftig zusätzliche Methoden zu testen – etwa die Auswertung sozialer Medien und von Gerichtsunterlagen oder groß angelegte Bevölkerungsbefragungen. Dies könnte helfen, noch mehr Konflikte frühzeitig zu erkennen, bevor sie eskalieren.
Die Studie hat jedoch auch Grenzen: Da es sich um eine qualitative Untersuchung handelt, sind die genannten Zahlen nicht als vollständige Erfassung aller Konflikte zu verstehen. Auch lässt sich aus der Medienberichterstattung allein nicht ableiten, welche Konflikte die Bevölkerung insgesamt besonders beschäftigen oder wie Anwohnerinnen und Anwohner diese bewerten.
Die Region um Cottbus eignet sich besonders für solche Untersuchungen, da sie gerade einen großen Strukturwandel durchläuft. Der Kohleausstieg und die damit verbundene Umgestaltung der Landschaft werfen viele neue Fragen zur Flächennutzung auf. Ähnliche Muster erwarten die Forschenden jedoch auch in anderen städtisch-ländlichen Regionen in Deutschland.
Projektpartner:
- Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V., Müncheberg
- Humboldt-Universität zu Berlin
Förderhinweis:
Das Projekt wurde gefördert vom BMBF, Förderkennzeichen 033L205A.
Hinweis zum Text:
Fienitz, M., Gütte, A. & Siebert, R. (2026). Mapping the urban-rural conflict landscape: complementary insights from experts and print media in Cottbus, Germany. Journal of Environmental Planning and Management. DOI: https://doi.org/10.1080/09640568.2026.2716181, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/.
Der Text wurde unter den Gesichtspunkten der KI-Regelungen am ZALF sorgfältig überprüft und überarbeitet.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Meike Fienitz
Programmbereich 2, Arbeitsgruppe Co-Design von Wandel und Innovation
https://www.zalf.de/de/ueber_uns/mitarbeiter/Seiten/fienitz_m.aspx
Originalpublikation:
https://doi.org/10.1080/09640568.2026.2716181
Weitere Informationen:
https://www.zalf.de/de/aktuelles/Seiten/Pressemitteilungen/Landnutzungskonflikte_Cottbus.aspx
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