KI unterstützt in der Küche, aber versalzt die Esskultur
KI optimiert unsere Ernährung. Gleichzeitig droht mit der Technologie ein globaler kulinarischer Einheitsbrei, bei dem regionale Rezepte und überliefertes Kochwissen in Vergessenheit geraten. Dadurch könnte menschliche Handarbeit an Wert gewinnen und «Human-Made» zur neuen Premiumkategorie im Ernährungsbereich werden. Das zeigt das neue GDI-Whitepaper «AI on the Menu», das untersucht, wie künstliche Intelligenz unsere Esskultur verändert und wo sie an ihre Grenzen stösst.
KI optimiert den Teller, vergisst aber den Tisch
KI verändert nicht alle Bereiche unserer Esskultur gleich stark. Das GDI-Whitepaper untersucht sechs Dimensionen: Genuss, Gemeinschaft, Gesundheit, Kontrolle, Rituale und Verwurzelung. Besonders gross ist das Potenzial von KI dort, wo sich Ernährung messen und optimieren lässt. Schon heute kann die Technologie Kalorien erfassen, Gesundheitsdaten auswerten und individuelle Ernährungsempfehlungen erstellen. Bei Genuss und Ritualen ist das Bild weniger eindeutig: KI kann neue Rezepte vorschlagen und alltägliche Routinen erleichtern, doch Geschmack und Traditionen lassen sich nicht einfach berechnen. An ihre Grenzen stösst die Technologie insbesondere bei Gemeinschaft und kultureller Verwurzelung. Denn gemeinsames Essen lebt von zwischenmenschlichen Beziehungen und Familienrezepte von mündlich überliefertem Wissen. Was nicht digital dokumentiert ist, bleibt für KI weitgehend unsichtbar. Damit besteht die Gefahr, dass lokale Kochtraditionen zunehmend in Vergessenheit geraten. «KI macht unsere Ernährung möglicherweise gesünder und effizienter – aber nicht unbedingt unsere Esskultur reicher», sagt Christine Schäfer, Senior Researcher am GDI und Autorin des Whitepapers.
Algorithmen servieren weltweit den gleichen Geschmack
Technologien haben die Ernährung wie auch die Esskultur schon seit jeher verändert: Von altsteinzeitlichen Koch- und Feuertechniken über landwirtschaftliche Anbaumethoden und die Erfindung der Konservendose bis hin zu smarten Kühlschränken. Neu ist, dass Algorithmen bereits im Moment der Entscheidung eingreifen. Was in den sozialen Medien viral geht, landet kurze Zeit später auf Speisekarten und in Supermarktregalen rund um den Globus. Dubai-Schokolade, Bubble Tea oder Strawberry-Matcha sind eindrückliche Beispiele. Der Hype um Dubai-Schokolade liess etwa die Nachfrage nach Pistazien ansteigen. KI könnte diese Entwicklung weiter beschleunigen. Denn digitale Empfehlungssysteme bevorzugen häufig populäre Inhalte, während sich Unternehmen bei der Entwicklung und Vermarktung ihrer Produkte zunehmend daran orientieren, was online Aufmerksamkeit erzeugt. Dadurch drohen regionale Besonderheiten und kulinarische Vielfalt an Bedeutung zu verlieren. «Wenn weltweit dieselben Food-Trends viral gehen, wird auch unser Geschmack immer ähnlicher», sagt Christine Schäfer.
Human-Made als neues Premiumlabel
Gegenbewegungen wie der «Nonnamaxxing»-Trend zeigen das Bedürfnis nach Langsamkeit, Körperlichkeit und Verbindung zum kulturellen Erbe: «Pasta nach dem alten Rezept von Oma selbst herstellen und gemeinsam mit Freunden geniessen – der Trend zeigt die Sehnsucht nach dem, was KI in der Esskultur nicht kann», so Senior Researcher Christine Schäfer. In der Vergangenheit entstand aus Gegenbewegungen einer Food-Disruption oft eine neue Premiumkategorie. Bio war beispielsweise die Antwort auf die industrielle Produktion und ihre Folgen. Entsprechend könnte KI die «Human-Made»-Bewegung auslösen, wobei sich noch kein allgemein gültiges Label durchgesetzt hat. Vermeintliche Makel könnten zum neuen Qualitätsmerkmal werden. Denn ein leicht verkohlter Pizzarand oder unregelmässig geformte Pasta signalisieren menschliche Handarbeit. «Je mehr KI unsere Ernährung perfektioniert, desto wertvoller könnte das werden, was erkennbar von Menschen gemacht ist», sagt Christine Schäfer.
Das Whitepaper «AI on the menu: Esskultur zwischen Algorithmus und Authentizität» steht ab sofort kostenlos unter gdi.ch/ai-menu zum Download bereit.
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Evelyn Reusser
Senior Communications Manager
GDI Gottlieb Duttweiler Institute
Rüschlikon
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Weitere Informationen:
https://gdi.ch/ai-menu
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