Politikpanel Deutschland: Die Brandmauer bröckelt von unten
Die Ergebnisse des aktuellen Politikpanels Deutschland zeigen: Während die meisten Bürger*innen eine Koalition von CDU/CSU und AfD auf Bundesebene ablehnen, ist die Akzeptanz für eine Zusammenarbeit der Parteien auf kommunaler Ebene deutlich größer. Die Online-Befragung gibt zudem Aufschluss über Einstellungen zur allgemeinen Dienstpflicht, zu Künstlicher Intelligenz, organisierter Kriminalität und weiteren gesellschaftlichen Themen.
Das Politikpanel Deutschland ist eine Online-Befragung der Universität Freiburg, die seit der Bundestagswahl 2017 in unregelmäßigen Abständen von den Politikwissenschaftlern Prof. Dr. Uwe Wagschal und PD Dr. Sebastian Jäckle vom Seminar für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg durchgeführt wird. Die aktuelle Befragung basiert auf Angaben von 6.949 Personen, die zwischen dem 23. Oktober und dem 2. November 2026 einen Online-Fragebogen vollständig ausgefüllt haben.
Ein Schwerpunkt der aktuellen Befragung lag auf den Einstellungen der Befragten zu einer möglichen Zusammenarbeit der Parteien CDU/CSU und AfD. Seit ihren Unvereinbarkeitsbeschlüssen von 2018 (CDU) und 2019 (CSU) schließt die Union Koalitionen und ähnliche Formen der Zusammenarbeit mit der AfD aus. Nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im vergangenen September, bei denen die AfD jeweils stärkste Kraft wurde, steht diese Abgrenzung zur Debatte. Das Politikpanel hat deshalb die Einstellungen zu verschiedenen Formen der Zusammenarbeit auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene erfasst. Dabei zeigen sich zwei Muster: Je enger die Zusammenarbeit, desto geringer die Akzeptanz. Zugleich wird deutlich: Je bürgernäher die politische Ebene, desto höher die Akzeptanz.
Brandmauer: Im Bund weitgehend intakt, in den Kommunen brüchig
Eine Regierungskoalition von CDU/CSU und AfD auf Bundesebene halten rund 56 Prozent der befragten Bürger*innen für eher inakzeptabel und rund neun Prozent für völlig inakzeptabel. Auf kommunaler Ebene sieht das Bild anders aus: 52 Prozent der Befragten halten eine gemeinsame Bürgermeister*innen-Wahl durch CDU/CSU und AfD für eher oder völlig akzeptabel. Bei gemeinsamen Abstimmungen über politische Vorschläge der AfD sind es 53 Prozent. Geht es um Vorschläge der CDU, ist die Mehrheit der Befragten auf allen politischen Ebenen offen für gemeinsame Abstimmungen – 63 Prozent auf kommunaler, 59 Prozent auf Landes- und 57 Prozent auf Bundesebene.
„Die Zahlen zeigen: Die Brandmauer steht im Bund und in den Ländern noch weitgehend – aber sie bröckelt von unten“, sagt Wagschal. „Je näher die Politik an den Bürgerinnen und Bürgern ist und je mehr es um konkrete Sachentscheidungen geht, desto weniger leuchtet vielen eine pauschale Abgrenzung ein. Das reicht bis weit in die Anhängerschaft der Union hinein. Bemerkenswert ist, dass die Landesebene kaum anders bewertet wird als die Bundesebene: Die eigentliche Bruchstelle liegt in den Rathäusern und Gemeinderäten.“
Unabhängig von der politischen Ebene halten 30 Prozent der Befragten alle Formen der Zusammenarbeit für inakzeptabel und 23 Prozent alle für akzeptabel. „Das zeigt, dass die Brandmauerfrage polarisiert und spaltet“, so Wagschal.
Unionsanhänger*innen: Koalition nein, Zusammenarbeit vor Ort ja
Bei den Anhänger*innen der Union hängt die Akzeptanz besonders stark von der politischen Ebene ab. Eine Koalition mit der AfD im Bund halten nur 16 Prozent von ihnen für eher oder völlig akzeptabel, eine Duldung einer CDU-Minderheitsregierung durch die AfD 48 Prozent. Die gemeinsame Wahl von Bürgermeister*innen bewertet hingegen eine Mehrheit von 52 Prozent als eher oder völlig akzeptabel. Gemeinsame Abstimmungen über AfD-Vorschläge hält im Bund eine Minderheit von 41 Prozent für eher oder völlig akzeptabel, in den Kommunen eine Mehrheit von 56 Prozent. Bei CDU-Vorschlägen steigt die Zustimmung von 69 auf Bundesebene auf 78 Prozent in den Kommunen.
Die beschriebenen Muster zeigen sich auch bei SPD- und Grünen-Anhänger*innen, jedoch weniger stark ausgeprägt: Unter SPD- und Grünen-Anhänger*innen halten rund 80 Prozent gemeinsame Abstimmungen über CDU-Vorschläge im Bund für völlig oder eher inakzeptabel, auf kommunaler Ebene hingegen rund 65 Prozent.
Allgemeine Dienstpflicht: Mehrheit dafür, Jüngere weiterhin skeptisch
Neben Fragen zum Thema Brandmauer untersucht das Politikpanel auch Einstellungen zu weiteren gesellschaftlichen Themen, etwa einer allgemeinen Dienstpflicht für junge Männer und Frauen. Eine solche befürworten 62 Prozent der Befragten, 28 Prozent lehnen sie ab. Gegenüber Februar 2026 ist die Zustimmung in allen Altersgruppen leicht zurückgegangen, sie liegt aber weiterhin auf oder über dem Niveau vom Juli 2025. Die 18- bis 30-Jährigen, die einen solchen Dienst selbst leisten müssten, stehen der Idee als einzige Altersgruppe im Mittel leicht ablehnend gegenüber. Die höchste Zustimmung findet sich bei den ältesten Befragten. Am größten ist die Zustimmung unter Anhänger*innen der Union (87 Prozent) und der FDP (76 Prozent). Befragte mit Wahlabsicht für Die Linke und das BSW lehnen sie mehrheitlich ab (66 bzw. 61 Prozent).
Wahlentscheidungen: Wahl-O-Mat wird häufiger genutzt als KI
91 Prozent der Befragten haben schon einmal den Wahl-O-Mat genutzt, unter den 18- bis 30-Jährigen nahezu alle. Künstliche Intelligenz als Hilfe bei einer Wahlentscheidung haben 24 Prozent schon einmal verwendet, am häufigsten ChatGPT. Anders als bei den Online-Wahlhilfen nutzen die Jüngsten KI hierfür am seltensten. Für die eigene Wahlentscheidung bei der Bundestagswahl waren nach Angabe der Befragten vor allem Wahlprogramme und Sachthemen wichtig (95 Prozent), Online-Wahlhilfen für 36 Prozent und KI für 5 Prozent.
KI im Arbeitsleben: Erwartete Jobverluste, aber geringe persönliche Sorge
30 Prozent nutzen KI-Anwendungen beruflich mindestens einmal täglich, privat 39 Prozent. 76 Prozent erwarten, dass die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland durch KI abnehmen wird. Um den eigenen Arbeitsplatz sorgen sich dagegen nur 17 Prozent, am häufigsten die 18- bis 30-Jährigen (24 Prozent). Eine verpflichtende KI-Qualifikation in Ausbildung und Studium unterstützen 60 Prozent, ein bedingungsloses Grundeinkommen 34 Prozent und eine Aufweichung des Kündigungsschutzes 14 Prozent.
Vertrauen in Institutionen: Polizei und Gerichte vorn
Das höchste Vertrauen genießen die Polizei (69 Prozent vertrauen ihr eher oder voll und ganz) und die Gerichte (63 Prozent). Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk vertrauen 43 Prozent, dem Parlament 42 Prozent und der Regierung 28 Prozent. Beim Vertrauen in Parlament, Regierung und öffentlich-rechtlichen Rundfunk zeigen sich große Unterschiede nach Parteipräferenz: Parlament und Regierung vertrauen Anhänger*innen der Union und der SPD am stärksten, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Anhänger*innen der Grünen und SPD. Befragte mit Wahlabsicht BSW und AfD vertrauen diesen drei Institutionen mit deutlichem Abstand am wenigsten.
Zum Politikpanel Deutschland
Das Politikpanel Deutschland ist eine Online-Befragung des Seminars für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg, die seit der Bundestagswahl 2017 in unregelmäßigen Abständen durchgeführt wird. Die aktuelle Befragung lief vom 23. Oktober bis 2. November 2026. 7.320 Personen nahmen daran teil, davon füllten 6.949 den Fragebogen vollständig aus. Die Daten wurden mittels Raking nach Altersgruppe, Geschlecht, Bundesland und Sonntagsfrage an die Verteilung in der Bevölkerung angepasst.
• Leitung: Prof. Dr. Uwe Wagschal und PD Dr. Sebastian Jäckle
• Mitarbeit: Ronald Schleehauf
Weitere Informationen
Zur ausführlichen Auswertung der Befragung (PDF): https://uni-freiburg.de/politik/ppd/
Kontakt
Hochschul- und Wissenschaftskommunikation
Universität Freiburg
Tel.: +49 761 203 4302
E-Mail: kommunikation@zv.uni-freiburg.de
Weitere Informationen:
https://uni-freiburg.de/politikpanel-deutschland-die-brandmauer-broeckelt-von-unten/
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