Das Schöne, das Schlechte und die peinlichen Momente
Psychologinnen der Universität Würzburg haben einen etablierten Test zur Messung des sozialen Verstehens erweitert. Das neue Instrument erfasst nun Empathie und Perspektivübernahme in vielfältigen Alltagssituationen.
Jemandem zuhören, der von seinem Besuch in einem Freizeitpark berichtet: Für viele Menschen fühlt sich das so an, als säßen sie selbst in einer emotionalen Achterbahn. Auch wenn die Zuhörerinnen und Zuhörer nie einen Fuß in den Park gesetzt haben, können sie dennoch die Gefühle ihres Gegenübers nachempfinden: Die tiefe Enttäuschung – als sich herausstellt, dass dessen Lieblingsattraktion geschlossen ist. Die Freude – über das beste Eis seines Lebens. Und die Verlegenheit – nachdem dieses Eis auf dem Freefall-Tower abrupt den Magen wieder verließ. Vereinfacht ausgedrückt: Was auch immer unser Gegenüber fühlt, wir fühlen es mit ihm.
Mitempfinden und Mitdenken
Soziales Verstehen ist eine Grundvoraussetzung für gelingendes Miteinander. In der Psychologie werden dabei zwei zentrale Prozesse unterschieden: Empathie beschreibt eine affektive Resonanz, also das tatsächliche Mitempfinden der Gefühle anderer wie im oben geschilderten Fall. Davon abgegrenzt wird die Theory of Mind (ToM), die kognitive Perspektivübernahme, mit der Menschen Gedanken, Absichten oder Überzeugungen ihres Gegenübers logisch erschließen.
Bisher konzentrierte sich die Forschung bei der Untersuchung dieser Mechanismen vorwiegend auf negative Szenarien wie Schmerz oder Leid. Diese Perspektive ist jedoch unvollständig, da soziales Verstehen im Alltag ebenso häufig in positiven oder sozial ambivalenten Situationen stattfindet. Um diese Lücke zu schließen, haben zwei Psychologinnen der Universität Würzburg neue, validierte Messinstrumente entwickelt: Anne Böckler-Raettig, Professorin für Forschungsmethoden und Soziale Kognition am Institut für Psychologie, und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Eva Landmann.
Methodische Innovation für lebensnahe Forschung
„In der psychologischen Forschung sind valide Instrumente entscheidend, um menschliches Erleben objektiv erfassbar zu machen“, erklärt Anne Böckler-Raettig. Dazu hatte sie 2015 gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen Aufgaben entwickelt, mit denen sich Empathie und die kognitive Perspektivübernahme valide erfassen lassen: die EmpaToM Task.
Jetzt präsentieren die Wissenschaftlerinnen zwei Erweiterungen: EmpaToM-pos und EmpaToM-embarrass. „Damit ist es nun möglich, affektive und kognitive Prozesse gleichzeitig und unabhängig voneinander in vier Kontexten zu messen“, schildert Eva Landmann. Das Instrument nutzt naturalistische Video-Erzählungen, in denen Personen von kurzen autobiographischen Erlebnissen berichten und die sich in ihrer emotionalen Ausrichtung unterscheiden:
• Neutral: Schilderungen von Alltagsroutinen, Hobbys oder beruflichen Abläufen.
• Negativ: Berichte über belastende Ereignisse wie Krankheit oder Verlust.
• Positiv: Erzählungen über Erfolge, freudige Familienereignisse oder soziale Verbundenheit.
• Peinlich: Berichte über soziale Missgeschicke oder peinliche Situationen in der Öffentlichkeit.
Wie wir mit anderen fühlen
In begleitenden Studien mit insgesamt über 170 Teilnehmenden konnten die Wissenschaftlerinnen die Validität des erweiterten Instruments belegen. Die zentralen Erkenntnisse zeigen:
• Erfolgreiche Induktion von Empathie: Die Teilnehmenden zeigten deutliche emotionale Reaktionen. Sie fühlten sich bei positiven Videos fröhlicher und bei peinlichen Inhalten spezifisch „peinlich berührt“.
• Generalisierung der Empathie: Es zeigte sich ein starker Zusammenhang zwischen positiver und negativer Empathie. Die Tendenz, mit anderen mitzufühlen, scheint somit eine übergeordnete individuelle Eigenschaft zu sein, die über verschiedene Gefühlslagen hinweg relativ beständig bleibt.
• Unabhängigkeit der kognitiven Leistung: Während die Empathie stark variierte, agierte die kognitive Perspektivübernahme (Theory of Mind) weitgehend unabhängig von den emotionalen Tendenzen. Das Verständnis dessen, was eine Person denkt, ist also nicht zwangsläufig an das Mitfühlen gekoppelt.
• Differenzierte Prosozialität: Positive und peinliche Szenarien führten zu einer höheren Hilfsbereitschaft als neutrale Inhalte, blieben aber hinter der Reaktion auf negative Ereignisse zurück.
Die Forschung liefert hierfür theoretische Erklärungen: „In positiven Kontexten hilft der Mensch, um den eigenen guten Zustand aufrechtzuerhalten“, sagt Eva Landmann. In peinlichen Situationen hingegen signalisiere das Missgeschick des Gegenübers eine grundsätzliche Anerkennung sozialer Normen. Denn peinlich ist in der Regel das, was außerhalb der Norm liegt. Das fördert beim Gegenüber soziale Annäherung und Unterstützung.
Ein präziseres Verständnis für Klinik und Alltag
Die strategische Bedeutung dieser Erweiterung eines bestehenden Tools liegt nach Aussagen der beiden Wissenschaftlerinnen in einer höheren „ökologischen Validität“ – die Forschung rückt damit näher an die Komplexität des echten Lebens. Für die klinische Psychologie bietet das Instrument die Chance, inter-individuelle Unterschiede präziser zu erfassen. Es lässt sich nun untersuchen, ob bestimmte psychische Störungen mit „selektiven Defiziten“ einhergehen. So könnte ein Patient beispielsweise fähig sein, Schmerz zu teilen, während die Empathie für die Freude anderer beeinträchtigt ist.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Eva Landmann und Prof. Dr. Anne Böckler-Raettig, Universität Würzburg, Abteilung Forschungsmethoden & Soziale Kognition
T +49 931 31 83709, eva.landmann@uni-wuerzburg.de
T +49 931 31 80506, anne.boeckler@uni-wuerzburg.de
Originalpublikation:
Die Ergebnisse der Studie wurden im Fachjournal „Behavior Research Methods“ veröffentlicht: The good, the bad, and the cringy: Introducing the EmpaToM-pos and EmpaToM-embarrass as tools to assess empathy and Theory of Mind in diverse emotional contexts. Eva Landmann and Anne Böckler. DOI: https://doi.org/10.3758/s13428-026-03202-x
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