„Psychiatrische Zeitgeschichte“: Neues Themenheft der „Zeithistorischen Forschungen“
Was ist „normal“, was gilt als „verrückt?“ Nachdem diese Unterscheidung in der modernen Psychiatrie lange konstitutiv war, hat sich der Blick darauf seit den 1970er Jahren stark gewandelt. In Fallstudien diskutieren die Autor*innen der neuesten Ausgabe der „Zeithistorischen Forschungen“, wie genauere Analysen dieser Entwicklung den Blick auf die Zeitgeschichte insgesamt verändern können. Die Fachzeitschrift erscheint gedruckt im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht und im Open Access.
Europäischen Gesellschaften diente die Grenzziehung zwischen „normal“ und „verrückt“ lange dazu, das eigene, „vernünftige“ Selbstverständnis zu festigen. Heute kommt dem Verrücktsein eine gewisse alltägliche Normalität zu. Gleichzeitig werden auffällige, nonkonforme Verhaltensmuster in neuer Weise stigmatisiert oder als Themen eines neuen Aktivismus reklamiert. Das psychiatrische Feld lässt sich so längst nicht mehr auf eine Wissenschaftsgeschichte der Medizin eingrenzen. Es ist auch für die sozial-, kultur- und geschlechtergeschichtliche Forschung relevant, wie die Artikel im neuen Themenheft der „Zeithistorischen Forschungen“ zeigen. Das Heft wird herausgegeben von Cornelius Borck und Karen Nolte.
Der Schwerpunkt der Ausgabe liegt auf der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, verbunden mit transnationalen und transkulturellen Perspektiven. Die längeren Aufsätze widmen sich den methodisch-theoretischen Debatten um die Transkulturelle Psychiatrie in den 1970er Jahren (Lisa Schmidt-Herzog/Cornelius Borck), den Medientechniken der Neo-Sannyas-Bewegung im Kontext des „Psychobooms“ (Susanne Doetz), den zeitgenössischen Diskursen um Mehrfachdiskriminierung und feministische Therapie in Westdeutschland (Vera Luckgei/Karen Nolte) sowie dem Umgang der westdeutschen Frauenbewegung mit psychischen Gewaltfolgen in den 1980er Jahren (Ulrike Klöppel).
Wie die Medienöffentlichkeit im Spannungsfeld von Gewalt und „Verrücktheit“, Aufklärungswunsch und Faszination des Schreckens erheblichen Druck auf die Psychiatrie und die Justiz ausüben kann, wird essayistisch am Beispiel des populären Genres „True Crime“ diskutiert (Uta Hinz/Chantal Marazia/Heiner Fangerau). Die Rubrik „Quellen“ unterstreicht, dass die empirische und methodische Basis einer psychiatrischen Zeitgeschichte sehr verschieden sein kann: Während sich Samuel Dal Zilio mit Fallakten verschiedener belgischer Anstalten beschäftigt und daraus zumindest fragmentarische Biographien rekonstruieren kann, erschließt Oliver Falk das Medienereignis „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ als Quellenensemble aus Buch, Film und darauf aufbauenden weiteren Verarbeitungen.
In der Rubrik „Neu gesehen“ geht es unter anderem um den Film „Bildnis einer Trinkerin“ (1979) der Regisseurin Ulrike Ottinger, die die zeitgenössischen Debatten um Geschlechterverhältnisse, soziale Ungleichheit, Emanzipation und Verrücktheit als extravagantes Kammerspiel inszenierte (Viola Balz). Ein markantes Szenenfoto dieses vielschichtigen Films ist auf dem Cover des Heftes abgebildet.
Die „Zeithistorischen Forschungen“ werden am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (https://zzf-potsdam.de) von Frank Bösch und Gabriele Metzler herausgegeben. Die Zeitschrift erscheint gedruckt im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht (https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/journal-zeithistorische-forschungen) und zugleich im Open Access (https://zeithistorische-forschungen.de). Gastherausgeberinnen des aktuellen Heftes sind Cornelius Borck (Universität zu Lübeck) und Karen Nolte (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg). Das Heft entstand in enger Zusammenarbeit mit der DFG-Forschungsgruppe „NORMAL#VERRÜCKT. Zeitgeschichte einer erodierenden Differenz“ (https://www.normalverrueckt.hhu.de).
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Prof. Dr. Karen Nolte, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
E-Mail: karen.nolte@histmed.uni-heidelberg.de
Originalpublikation:
https://zeithistorische-forschungen.de/1-2026
Weitere Informationen:
https://zeithistorische-forschungen.de – Zeithistorische Forschungen im Open Access
https://zzf-potsdam.de – Website des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam
https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com – Website Vandenhoeck & Ruprecht
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https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/sozial-rechts-und-wirtschaftswissenschaften/politikwissenschaft/60797/zeithistorische-forschungen-2026-jg-22-heft-1
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